Entwicklung

Am interessantesten ist die Stimme

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 1 Monat

Nach der Geburt dringen Geräusche und Musik ungefiltert an das Ohr Ihres Kindes. Aber für Säuglinge gibt es keine CD und kein noch so ausgefallenes Geräusch, die spannender wären als die Stimmen von Mutter, Vater oder Geschwisterkind, wenn sie mit ihm sprechen oder ihm etwas vorsingen.

Säuglinge verbinden die menschliche Stimme mit der für sie lebensnotwendigen Nähe und Zuwendung. Außerdem können sie schon kurz nach der Geburt verschiedene Stimmen voneinander unterscheiden, erklärt der Neurologe und Musiker Eckart Altenmüller, „insbesondere die der Mutter von der Stimme etwa der Tante oder der Großmutter. Die Kinder reagieren auch entsprechend“.

Lied "Taler, Taler, du musst wandern" anhören

Kein Wunder, denn vor der Geburt konnte das Kind vor allem die Stimme der Mutter hören, allerdings gedämpft und gefiltert durch das Körpergewebe. Es erkennt deshalb vor allem die Sprechweise, also die Sprachmelodie und den Sprachrhythmus wieder und reagiert darauf, indem es die Augen oder den Kopf zur Mutter dreht. Aus demselben Grund reagieren Säuglinge stärker auf die Sprache, die sie bereits aus dem Mutterleib kennen – die „Muttersprache“ – als auf jede andere.

Ruhe ist notwendig

Die erste Zeit nach der Geburt verbringt Ihr Kind vor allem bei Ihnen oder anderen Familienmitgliedern, wenn es gestillt, gewickelt und zum Schlafen gebracht wird. In dieser Zeit brauchen Sie und Ihr Kind eine ausreichend ruhige Umgebung, nicht nur um einander kennen zu lernen, sondern auch, um sich stimmlich austauschen zu können. Denn Säuglinge bringen sehr viel Neugier auf menschliche Stimmen mit und nehmen mit den Ohren alles auf, was ihre noch kurze Aufmerksamkeitsspanne zulässt – das ist wichtig für ihre eigene Stimm- und Sprachentwicklung.

Lied "Guter Mond, du gehst so stille" anhören

Andauernder oder häufiger Lärm dagegen, etwa Verkehrs- oder Techniklärm, lenkt das Kind nicht nur ab, er stört auch seine Aufnahmefähigkeit. Interessant dagegen ist für das Kind Musik, weil sie deutliche Tonhöhenunterschiede hat, die auch vom Gehör eines Säuglings aufgenommen werden können. Musik ist daher für das kindliche Ohr leichter zu entschlüsseln als etwa die Alltagssprache mit ihren schnellen, geringen Tonhöhenwechseln.
Die meisten Erwachsenen, aber auch ältere Kinder passen sich unwillkürlich dem noch unausgereiften Hörvermögen des Säuglings an, wenn sie zu ihm sprechen. Sie wechseln häufig die Stimmlage, reden langsamer und betont deutlich – oder sie singen ihm etwas vor.

Lied "Backe, backe Kuchen" anhören

Falls Sie Musik auflegen oder spielen wollen - nicht jede Art Musik gefällt Kindern gleich gut. Eckart Altenmüller berichtet über wissenschaftliche Tests, bei denen Säuglinge verschiedene Arten von Musik vorgespielt bekamen:

„Welche Musik der Säugling lieber hört, erkennt man daran, dass er die Lautsprecher, aus denen die bevorzugte Musik kommt, länger ansieht und dass er dann stärker an seinem Schnuller nuckelt.“ Schauen Sie einmal selbst, ob und wie Ihr Kind auf Musik reagiert. Und wenn es eine Pause braucht, ist seine Reaktion eindeutig: dann dreht es den Kopf einfach wieder weg.

 

Eckart Altenmüller erforscht die Auswirkungen von Musik auf das Gehirn. An der Staatlichen Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover leitet er das Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin.

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von LIEDERPROJEKT.ORG, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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