Thema

"Babyfreundlich" - was heißt das?

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 9. Schwangerschaftsmonat

Sind Sie noch auf der Suche nach „Ihrem“ Krankenhaus? Und was ist Ihnen dabei besonders wichtig? Eine Gebärwanne oder ein Hebammenkreißsaal? Immer wieder stößt man auch auf ein „babyfreundliches Krankenhaus“, früher hießen die Einrichtungen „stillfreundlich“. Das entsprechende Zertifikat ist an verbindliche Standards gebunden, erklärt der Krefelder Gynäkologe Jörg Baltzer im Gespräch.

Herr Professor Baltzer, 1991 wurde die Initiative „Babyfreundliches Krankenhaus“ von der Weltgesundheitsorganisation WHO und vom Kinderhilfswerk Unicef gegründet. Aus welchem Grund hat sich die Frauenklinik im Klinikum Krefeld an dieser Initiative beteiligt?
Ich bin 1989 von München als Direktor der Frauenklinik nach Krefeld gekommen. Im München hatte ich schon Frédérick Leboyer kennen gelernt, der sich intensiv um die so genannte sanfte Geburt bemühte, und Michel Odent, dem es um Schmerzerleichterung unter der Geburt ging. Auch meinem Vater, der selbst Gynäkologe und Geburtshelfer war, lag viel an diesem Thema. Ich war also schon vorbelastet.

Lied "Ade zur guten Nacht" anhören

Damals wurde in Krefeld das Kinderzimmer noch mit Vorhängen zugehängt und abgeschlossen, und die Mutter durfte nur zu den Besuchszeiten hinein. Man dachte, das sei wegen der Hygiene nötig, und fürchtete, die Kinder könnten vertauscht werden.

Wir führten das Rooming-in ein, die Unterbringung der Kinder bei ihren Müttern. Denn ich wollte nicht nur Patientinnen, die etwa wegen einer Risikoschwangerschaft kommen mussten – ich war Spezialist für Hochrisikoschwangerschaften –, sondern auch welche, die kommen wollten. Dann hörte ich von der WHO-Initiative und stellte nach einem Blick in deren Unterlagen fest, dass es bei uns noch weitere Defizite hinsichtlich einer familienorientierten Geburt gab, die beseitigt werden mussten. Die erste Zertifizierung als „babyfreundliches Krankenhaus“ bekamen wir dann im Jahr 2000. Danach haben wir uns immer wieder zertifiziert.
 

Was sind die Merkmale eines „babyfreundlichen“ Krankenhauses?
Schon in der Schwangerschaft werden beide Eltern informiert. Ich habe zum Beispiel in Krefeld zusammen mit der Verbraucherzentrale und mit Versicherungen eine Informationsreihe herausgegeben. Und es ist immer jemand im Haus, der die Kurse zur Schwangerenvorsorge hält.
Bei der Entbindung sehen wir zu, dass der direkte Kontakt von Eltern und Kind möglichst rasch und durchgehend hergestellt wird. Rooming-in unterstützt die Mutter-Kind-Bindung, und auch der Vater wird mit einbezogen. Früher dachte man, Mutter und Kind müssten sich getrennt von der anstrengenden Geburt erholen, und der Vater durfte aus hygienischen Gründen auf keinen Fall bei der Geburt dabei sein.

Außerdem unterstützen wir die Mütter beim Stillen, nicht im Sinn einer Ideologie, sondern durch Beratung, etwa wenn das Kind Schwierigkeiten beim Saugen hat. Das Stillen bringt dem Kind Vorteile, etwa die Stabilisierung der Immunabwehr, weniger Magen-Darm-Erkrankungen und weniger Infektionen. Außerdem bedeutet es nicht nur Ernährung, sondern auch Zuwendung. Nach der Geburt gibt es weiterhin Beratung, dazu Stillgruppen und eine Stillhotline, so dass ein Netzwerk für die junge Familie entsteht. Das ist alles recht aufwändig.

Das Besondere an den babyfreundlichen Krankenhäusern ist aber vor allem, dass die unterschiedlichen Berufsgruppen, also Hebammen, Kinderschwestern und Stationsschwestern, zusammenarbeiten. So erfahren Mütter eine einheitliche Beratung und ein abgestimmtes Vorgehen. Der Personalaufwand dabei ist recht hoch. Aber die Belegungszahlen in Krefeld wurden deutlich besser, weil die Zufriedenheit gestiegen war.

Lied "Taler, Taler, du musst wandern" anhören
 

Sie haben im Klinikum Krefeld auch Liederbücher an junge Eltern verteilt. Weshalb?
In meiner eigenen Familie hat das Singen eine große Bedeutung. Ich war das jüngste von fünf Geschwistern, mein Vater war im Krieg, mein ältester Bruder Luftwaffenhelfer. Meine Mutter floh mit dem Rest der Familie vor den Bomben zu Verwandten.

Das gemeinsame abendliche Singen aus dieser Zeit ist mir unvergesslich, weil es uns, der geflohenen Familie, eine außerordentliche Geborgenheit gab. Und im Gegensatz zu anderen Spielen wie Mensch-ärgere-dich-nicht oder Rommé gewinnt oder verliert beim gemeinsamen Singen keiner, es ist einfach ein gemeinsames Erleben. Auch heute kann das gemeinsame Singen als Ritual einer jungen Familie durchaus Geborgenheit vermitteln in einer Welt, die nicht viel Geborgenheit bietet.
 

Wann sollten sich werdende Eltern um eine Klinik oder einen Arzt bemühen, vielleicht auch um eine Hebamme, und was sollten sie dabei beachten?
Schwangerschaftskurse werden ab etwa der 28. Woche angeboten. Werdende Mütter oder Eltern sollten den Kurs möglichst in der Klinik besuchen, in der später auch die Entbindung stattfindet. Dabei ist es für beide Partner besser, wenn der Vater nicht erst in den Kreißsaal mitkommt, sondern schon am Vorbereitungskurs teilgenommen hat.
Zweitens sollte das Krankenhaus eine enge Kooperation zu einer Kinderklinik haben. Es muss nicht gleich ein Perinatalzentrum sein, aber wenn Probleme auftauchen, sollte sofort ein Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Wichtig ist außerdem eine fachliche Betreuung rund um die Uhr, auch vonseiten der Anästhesie, damit zum Beispiel Periduralanästhesie oder Epiduralanästhesie zur Schmerzerleichterung angeboten werden können.

Lied "Mein Hut, der hat drei Ecken" anhören

Die Kliniken bieten ihr Programm im Internet an, nur muss man sich fragen, wie realistisch diese Darstellungen sind. Eltern sollten sich deshalb in jedem Fall vor Ort informieren und auch den Kreißsaal ansehen. Wir haben in Krefeld damals zusammen mit den Hebammen der Klinik einen Fragebogen vorbereitet, auf dem die Eltern angeben konnten, worauf bei der Kindsgeburt geachtet werden sollte. Sie konnten zuhause in Ruhe alles ankreuzen und kamen dann mit dem ausgefüllten Bogen zur Entbindung.

 

Der Gynäkologe Professor Dr. Jörg Baltzer leitete von 1989 bis 2006 als Direktor die Frauenklinik am Klinikum Krefeld. Seit 2007 ist er Ehrenmitglied der WHO-/Unicef-Initiative „Babyfreundliches Krankenhaus“. Für sein großes soziales Engagement wurde er 2010 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Es sei im Zusammenhang mit dem Artikel darauf hingewiesen, dass die Zertifizierung als „babyfreundliches Krankenhaus“  u. a. mit hohen Kosten verbunden ist. Daher gibt es viele Krankenhäuser, die nicht zertifiziert im Sinn der WHO-Initiative sind, aber nach gleichen oder vergleichbaren Standards bei der Betreuung von Schwangeren, Eltern und Kindern arbeiten.

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von liederprojekt org, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 9. Schwangerschaftsmonat