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Das Gutenachtlied und andere Rituale

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 3 Monate

Ob es das gemeinsame Abendessen ist oder das Vorlesen vor dem Schlafengehen: Bei wiederkehrende Anlässen folgen wir gern einem festgelegten Ablauf. Diese Rituale bringen nicht nur Ordnung in den Alltag, sie können auch Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Gerade für Kinder sind Alltagsrituale wie das Gutenachtlied besonders wichtig.

Der Arzt Jörg Baltzer sieht Rituale als eine Art Geländer, an dem man sich im alltäglichen Durcheinander festhalten kann. Besonders Säuglingen, die noch keine Lebensroutine kennen und jeden Tag viel Neues erleben und erfahren, helfen wiederkehrende Eindrücke: das tägliche Bad, die vertrauten Gesichter, das allabendliche Gutenachtlied.

Lied "Weißt du, wie viel Sternlein stehen" anhören

Vor allem vor oder nach dem Schlafen brauchen Kinder Zeit, um mit ihrer eigenen Befindlichkeit und ihrer Umwelt zurecht zu kommen: Die Müdigkeit macht sie „quengelig“, vielleicht müssen sie sich auch erst entspannen und weinen. Nach dem Aufwachen sind sie oft noch etwas verschlafen, möglicherweise fühlen sie sich, wenn sie im Bettchen liegen, auch einsam.

Eltern können diese Übergangssituationen auffangen, indem die ihr Kind mit kleinen Sprüchen oder Liedern zum Schlafen bringen und nach dem Aufwachen begrüßen. Abgesehen von der Nähe und Zuwendung, die das Kind spürt, können solche Rituale auch den Eltern helfen, den Tagesablauf einzuteilen und im Umgang mit dem Kind eine gewisse Selbstverständlichkeit zu entwickeln.

Rituale helfen in vielen Situationen

Für Jörg Baltzer reicht die Wirkung von Ritualen aber noch viel weiter als in diesen Alltagssituationen. Als Frauenarzt und Geburtshelfer am Klinikum Krefeld mussten er und sein Team oft mit Grenzerfahrungen umgehen, etwa bei Risikoschwangerschaften. Besonders in Situationen starker Belastung, so Baltzer, könnten verlässliche Abläufe Rückhalt geben.

Lied "Der Mond ist aufgegangen" anhören

Er selbst hat als Kind im Krieg die tröstende und beruhigende Wirkung durch gemeinsames abendliches Singen erfahren. Das habe ihm nicht nur Geborgenheit vermittelt, sondern auch ein starkes Gefühl des Zusammenhalts.

Aufgrund seiner eigenen Kindheitserfahrungen verteilte Jörg Baltzer in Krefeld später Liederbücher mit selbst ausgewählten Liedern an junge Eltern, um das vernachlässigte Singen in der Familie wieder anzuregen. Und weil zunehmend türkische Mütter und Eltern ins Krankenhaus kamen, nahm er auch türkische Lieder in die Sammlung auf.

Das musikalische Geschenk kam bei den Müttern und Vätern ebenso gut an wie Baltzers Angewohnheit, an Heiligabend zusammen mit Ärztinnen, Ärzten und Schwestern zur Weihnachtsvisite auf die Station zu kommen – Baltzer ging es dabei weniger um ein religiöses Ritual, sondern eher darum, den Patientinnen Unterstützung zu geben und das gute Verhältnis der Mitarbeiter untereinander zu stärken.

Lied "Schlaf, Kindlein, schlaf" anhören

Gemeinsam Musik erleben: bereichernd für alle

Für Kinder seien gelebte Rituale, etwa gemeinsames Singen oder gemeinsames Essen (mit dem Säugling auf dem Arm oder im Kindersitz) wie Wurzeln, die die notwendige Sicherheit für eine Erkundung der Umwelt geben, so Jörg Baltzer.

Gerade Singen und Musizieren schon ab dem frühesten Alter sieht er dabei als gutes Gegengewicht zum vorherrschenden Individualisierungstrend: „Da kommt es nicht drauf an, wer als Erster am Ziel ist, es geht um den gemeinsamen Klang.“
Das größte Kompliment, an das er sich erinnern kann, kam von einer Patientin, die das Team der Frauenklinik mit einem Orchester verglich: „ Sie hat gesagt, alle Mitglieder unseres Orchesters seien Individuen, aber am gemeinsamen Klang interessiert. Das war für mich ein besonderes Lob.“

 

Der Gynäkologe Professor Dr. Jörg Baltzer leitete von 1989 bis 2006 als Direktor die Frauenklinik am Klinikum Krefeld. Seit 2007 ist er Ehrenmitglied der WHO-/Unicef-Initiative „Babyfreundliches Krankenhaus“.

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von Liederprojekt.org, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

 

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