Kind und Umwelt

Die wollen "nur" spielen

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„Das ist ja ein Kinderspiel“, sagen wir, wenn uns etwas besonders leicht fällt oder keine großen Anforderungen stellt, und je nachdem schwingt darin Erleichterung oder Geringschätzung mit. Dabei kann man das mühelose Spielen von Kindern in seiner Bedeutung kaum überschätzen – auch fürs Musikmachen.

Beobachten Sie Ihr Kind einmal, wenn es völlig ins Spiel mit den Bauklötzen oder Playmobil-Männchen versunken ist, nichts mehr um sich her wahrzunehmen scheint und sich dabei selbst mit Geräuschen, Dialogfetzen oder kleinen Gesängen begleitet. Oder sehen Sie ihm zu, wenn ein anderes Kind in der Nähe spielt, etwa im Sandkasten. Schaut es sich von dem anderen Kind etwas ab, versucht es auch Förmchen zu backen? Oder tun sich die beiden vielleicht sogar zusammen und bauen gemeinsam eine Burg?

Lied "Summ, summ, summ" anhören

Der kindlichen Lust am Entdecken und Ausprobieren sind kaum Grenzen gesetzt. Die ersten Spielpartner sind die Eltern, aber spätestens mit zwei Jahren interessieren sich Kinder für alles, was Gleichaltrige oder Ältere tun, und versuchen es spielerisch nachzuahmen oder für sich umzugestalten. Und so beliebig und zufällig ihr Verhalten auf den ersten Blick auch scheint: „Ziellos ist das kindliche Spiel nur aus Sicht der Erwachsenen“, stellt der Kölner Musikpädagoge und Musiktherapeut Ludger Kowal-Summek klar. Kinder würden sich im Spiel die Regeln und die Kultur ihrer Umwelt aneignen, sei es in motorischer, kognitiver, sozialer oder auch in sprachlicher und musikalischer Hinsicht.

Experimentieren gehört dazu

Denn was Kinder im Umgang mit ihrem Spielzeug, im Rollenspiel oder beim Backen und Bauen im Sand an Geschicklichkeit und Verhaltensmustern erlernen oder voneinander abschauen, lässt sich auch beim Spiel mit Instrumenten beobachten.

Wenn sie beispielsweise zum ersten Mal eine Trommel, Klanghölzer oder eine Triangel in die Hand bekämen, erzählt Kowal-Summek, entstehe zunächst ein großer Lärm: „Kinder fangen an, auf diesen Instrumenten zu experimentieren. Früher beendete ich diese erste Phase in der Musikalischen Früherziehung oft vorzeitig. Aber dann konnten die Kinder die eigentlichen musikalischen Gestaltungsaufgaben nicht so gut bewältigen. Mir wurde klar, dass Musikinstrumente mit ihrer besonderen Bauweise und ihrem speziellen Klang eine hohe Spannung in den Kindern erzeugen, die sich erst mal lösen muss. Das braucht Zeit.“ Erst wenn die Kinder ein paar Minuten Zeit zum Experimentieren gehabt hätten, könnten sie bereit sein, gemeinsam etwas auszuprobieren.

Lied "Der Kuckuck und der Esel" anhören

Ob beim gemeinsamen Liedersingen, beim Tanzen zu Klavierbegleitung oder beim Vertonen von Geschichten und Märchen mit Klängen und Geräuschen – durch das Erkunden der eigenen Phantasien und Möglichkeiten können Kinder viele ganz unterschiedliche Fertigkeiten erwerben, so Kowal-Summek. Wichtig dabei sei allerdings der eigene innere Antrieb.

„Wenn ich als Pädagoge die Situation kontrolliere und bestimme, ist der freiwillige oder selbständige Anteil der Kinder nicht hoch. Dann tun sie nur das, was ich gerne hätte. Wenn ich aber nicht meinen Stoff durchziehe, sondern mich an den Kindern orientiere, gebe ich ihnen die Möglichkeit, etwas zum Unterricht beizutragen. Dann schlagen sie von sich aus zum Beispiel ein Instrument oder ein Lied vor, das ich dann spontan mit einbeziehe.“
Für Kowal-Summek ist dieses Interesse der Kinder an eigener Gestaltung die Voraussetzung für alle späteren Lernschritte im Zusammenhang mit Musik: Wiederholen, sich Auseinandersetzen, gelegentlich auch Scheitern und wieder neu Beginnen. Die Herausforderung für alle Pädagogen heißt, die Lust am Lernen anzuregen und zu erhalten. „Das brauchen wir grundsätzlich in unserem Leben: Ich setze mich ein für das, was mich interessiert, egal ob ich spiele oder lerne.“ Der pädagogische Einstieg sei entscheidend.

Spielen als Grundlage fürs Lernen

Ludger Kowal-Summek hat erfahren, wie sehr die spielerisch gesammelten musikalischen Eindrücke die Kinder motivieren, sich auch nach der Musikalischen Früherziehung mit Musik zu beschäftigen und etwa ein Instrument zu erlernen. Dabei müsse man Kleinkindern nicht schon sämtliche Grundkenntnisse beibringen. Allein das Wiedererkennen, etwa von Melodien, Instrumenten oder auch einem Notenschlüssel, sei wertvoll.
Auch im späteren Musikunterricht sei ein abruptes Umschwenken auf eine leistungs- und lernbezogene pädagogische Methode nicht sinnvoll – der stärkste Motor für den Erwerb von Wissen und Können ist die Bereitschaft und Neigung eines Kindes dazu. Darum: diese spielerische Komponente – die im Miteinander einer Kita-Gruppe oder der Familie oft noch viel stärker erlebt wird – kann bis ins Grundschulalter hinein nicht hoch genug eingeschätzt werden und lässt sich weder durch die Wünsche der Eltern noch den Ehrgeiz von Pädagogen ersetzen.

Lied "Weißt du, wie viel Sternlein stehen" anhören

Denn das kindliche Spiel ist nicht nur sehr vielgestaltig, sondern im Spiel entwickelt das Kind auch eigene Erfahrungen und schafft sich dadurch eine Basis für spätere, auch musikalische, Interessen. Das macht schließlich einen entscheidenden Teil seines Reizes und seiner Wirkung auf die Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit und Auffassungsgabe aus!

Auch wenn Ihr Kind zunächst keine Neigung zeigt, ein zweiter Mozart zu werden: ermöglichen Sie ihm die aktive Begegnung mit Musik. Lassen Sie es in eine musikalische Früherziehungsgruppe oder eine musikalisch aktive Kita gehen und verschiedene Instrumente ausprobieren. Singen und spielen Sie selbst mit ihm, lassen Sie es dabei auch die Regie übernehmen und Vorschläge machen. Über die Freude am Entdecken und Gestalten hinaus entwickelt Ihr Kind so ein persönliches Verhältnis zu Musik, allein oder im Zusammenspiel mit Ihnen und anderen Kindern – und das ist ein Gewinn!

 

Der Diplom-Pädagoge, Diplom-Musikpädagoge und Musiktherapeut Dr. Ludger Kowal-Summek unterrichtet seit 1983 als Lehrer für Musikalische Früherziehung, musikalische Grundausbildung und Gitarre sowie im Rahmen der Behindertenarbeit an der Städtischen Clara-Schumann-Musikschule in Düsseldorf. Seit 1996 ist er Lehrbeauftragter für Erziehungswissenschaft, Allgemeiner Musikdidaktik, Didaktik der Musikalischen Früherziehung/Grundausbildung und Pädagogischer Psychologie an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf. Von 2004 bis 2007 vertrat er den Lehrstuhl für Heilpädagogische Musikerziehung/ Musiktherapie an der Universität zu Köln, seit 2007 ist er Fachvertreter des Bereichs im Institut für Musikpädagogik an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln.

Literaturhinweise:
Ludger Kowal-Summek: Spiel und Musik in der musikalischen Früherziehung unter besonderer Berücksichtigung psychoanalytischer Erkenntnisse; Centaurus Verlag & Media, Herbolzheim 2006
Ders.: Es war einmal vor langer Zeit. Märchen im Musikunterricht in der Grundschule. In: Grundschule Musik (2011) 60, S. 4-7
Ders.: In der Welt der Gefühle. Kindliches Fühlen und Musikpädagogik. In: Klein & groß (2007) 11, S. 35-39

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von LIEDERPROJEKT.ORG, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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