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Früh übt sich? Der erste Instrumentalunterricht

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 5 Jahre

Ob Klanghölzer, Trommel oder Glockenspiele: Viele Vorschulkinder haben schon Erfahrungen mit Instrumenten gesammelt, vielleicht zuhause, vielleicht in der Kita oder in der Musikschule. Aber wie lässt sich erkennen, ob Ihr Kind bereit ist, Instrumentalunterricht zu nehmen?

Empfiehlt sich eine Anmeldung in einer Musikschule oder bei einer privaten Lehrkraft, wenn Ihre kleine Tochter gern auf der Gitarre zupft oder Ihr Sohn seine Mundharmonika liebt? Eine sorgfältige Prüfung der Voraussetzungen ist in jedem Fall sinnvoll, meint dazu Reinhart von Gutzeit, selbst Vater musizierender Kinder und künstlerischer Leiter des bundesweiten Wettbewerbs „Jugend musiziert“.

Ein geeignetes Instrument zu finden, ist nicht so schwer – die Auswahl ist auch für die Kleineren schon recht breit: Neben der bewährten Blockflöte können fünfjährige Kinder etwa alle Streichinstrumente außer Kontrabass erlernen, Klavier oder Schlagzeug, und auch viele Holzblasinstrumente gibt es schon in kindgerechten Ausführungen.

Viel wichtiger ist, ob Ihr Kind sich aus eigenem Antrieb mit einem bestimmten Instrument befassen will und auch dabeibleiben kann. Auch die Rahmenbedingungen spielen eine große Rolle: Können Sie Ihrem Kind helfen, das Gelernte zuhause weiter zu verfolgen? „Es muss möglich sein, dass die Eltern das Kind betreuen, entweder weil sie selbst etwas von der Sache verstehen – das ist dann der Optimalfall –, oder indem sie am Unterricht teilnehmen und wissen, worauf geachtet werden soll“, rät von Gutzeit.

Lied "Ich bin ein Musikante" anhören

Training und „Üben“

Aber was lässt sich fünfjährigen Kindern überhaupt schon an instrumentalen Kenntnissen und Fertigkeiten vermitteln? Einerseits haben sie schon mindestens eine Sprache erlernt und zeigen oft eine erstaunliche motorische und koordinatorische Fähigkeiten, etwa beim Fahrradfahren, Schwimmen oder Malen.
Andererseits ist die kindliche Aufmerksamkeitsspanne noch nicht so ausgeprägt. Klavier, Schlagzeug oder Flöte selbst stellen also weniger das Problem dar. Es geht vielmehr darum, die kindliche Lust am Instrument in eine förderliche Richtung zu lenken. Erfahrene Musikpädagogen und entsprechende Unterrichtswerke sorgen für überschaubare Aufgaben und viel Abwechslung im Unterricht.

Lied "Die Geige beginnet" anhören

Den Begriff „üben“ dagegen würde Reinhart von Gutzeit am liebsten überhaupt nicht verwenden, denn der sei in unserer Kultur immer mit lästiger Pflichterfüllung und Zweckdenken verbunden: „Ich würde mit den Kindern immer vom Spielen sprechen und bin mir dabei bewusst, dass das Spiel für Kinder die ernsteste Sache der Welt ist.“

Jüngeren Kindern reichen erst einmal ein paar Minuten pro Tag am Instrument. Die sollten aber so regelmäßig wie möglich eingehalten werden, damit das Spielen auf dem Instrument so normal wird wie beispielswiese das Zähneputzen. Nach und nach kann sich die Spieldauer ausdehnen, sodass zum Beispiel Sieben- bis Achtjährige bei einer bei einer halben bis Dreiviertelstunde pro Tag angekommen sind.

Besonders früh – besonders gut?

Die persönlichsten und intensivsten Erfahrungen in Sachen frühkindlicher Musikalität hat Reinhart von Gutzeit als Vater von fünf Kindern gesammelt. Alle machen Musik, denn gerade in Musikerfamilien entwickeln Kinder schon sehr früh eine fast körperliche Beziehung zu ihrem Instrument, die sie auch nicht mehr verlieren. Der Wunsch, selbst zu musizieren, entsteht quasi von selbst: Die Jüngeren orientieren sich an den Eltern und Geschwisterkindern.

Wenn Ihr Kind die Neigung und Voraussetzung dafür mitbringt, kann ein früher Unterrichtsanfang also von Vorteil sein, denn je jünger das Kind, desto natürlicher und selbstverständlicher sein Verhältnis zum Instrument. Auch die Fähigkeit, Musik wahrzunehmen, sie sich innerlich vorzustellen und hörend aufzunehmen, prägt sich im frühen Kindesalter aus. Und an Auftritte, etwa bei Klassenvorspielen oder auch bei "Jugend musiziert", gehen die Kleineren entspannt heran. Sie sind viel unbefangener als Jugendliche, für die etwa eine Wettbewerbsteilnahme schon viel mehr mit ihrer Identität zu tun hat und daher anstrengend werden kann.

Lied "Bei meiner Tante Josefine" anhören

Was aber, wenn Ihr Kind eine große Begabung zeigt oder zu zeigen scheint? Nicht aus Ehrgeiz überfordern, rät von Gutzeit. Manche Kinder erscheinen vor allem deshalb begabt, weil sie schon früh mit dem Spielen begonnen haben. Überzogene Erwartungen bei Eltern oder Ehrgeiz bei Lehrern können sich auf das Kind übertragen und Erfolgsdruck auslösen. Der steht einem spontanen und guten Verhältnis zur Musik aber im Weg.

Und der Nutzen?

Eine untergeordnete Rolle spielt für Reinhart von Gutzeit der in den letzten Jahren immer wieder beschworene Nutzwert des Musikmachens, etwa für die Konzentrationsfähigkeit oder die soziale Kompetenz von Kindern. „Die Transfereffekte, die wir so gerne bemühen, wenn es darum geht, zugunsten einer Verwendung von Steuermitteln für Musikunterricht zu argumentieren, interessieren mich am allerwenigsten, wenn ich einem kleinen Kind Musik nahebringen will. Da geht's um die Sache an sich. Kindern Musik zu erschließen heißt, ein Grundbedürfnis zu erfüllen und ihnen einen Zugang zur Kultur zu eröffnen.“

Lied "Eine kleine Geige möcht ich haben" anhören

Umso wichtiger ist ihm als Grundlage für eine musikalische Erziehung das Singen als ursprünglichste Form des Musikmachens. Von Gutzeit orientiert sich dabei an Musikern wie der Bratscherin Tabea Zimmermann, die mit der Vorstellung spielt, auf ihrem Instrument zu singen. Eine musikalische Erziehung ohne sängerische Grundlage kann er sich nicht vorstellen.
„Ich bin überzeugt, dass Kinder wirklich sehr gerne singen, und ältere Kinder nehmen sich häufig Sänger, etwa von Pop- oder Rockgruppen als eine Art Idol. Singen und Tanzen gehören dazu, denn Instrumentalspiel braucht einen Hintergrund.“

 

Reinhart von Gutzeit ist Rektor der Universität Mozarteum Salzburg, Künstlerischer Leiter des Wettbewerbs „Jugend musiziert“ und Mitherausgeber der von ihm gegründeten instrumentalpädagogischen Zeitschrift „Üben & Musizieren“. Er war u. a. lange Jahre als Musikpädagoge tätig.

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von Liederprojekt.org, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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