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Hörstörungen im frühen Kindesalter

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 1 Monat

Kaum ist das Kind auf der Welt, beginnt sein Hörsystem unter dem Eindruck von Sprache, Musik und vielfältigen Geräuschen allmählich auszureifen. Kinder sind in ihrer sprachlichen Entwicklung auf ein funktionierendes Gehör und die Stimulation ihrer Umwelt angewiesen. Aber wie können Eltern wissen, ob und wie gut ihr Kind hört?

„Hören muss in gewisser Weise erst gelernt werden, bis es so wie bei uns Erwachsenen funktioniert“, erklärt Jochen Rosenfeld, Facharzt für Sprach-, Stimm- und kindliche Hörstörungen, im Gespräch.

Das heißt, die Ohren eines Säuglings sind von Anfang an voll funktionstüchtig, aber das Gehirn muss die Verarbeitung, also das Hören, erst noch lernen. Diese Hörbahnreifung findet in den ersten Lebensjahren statt.
Aber schon viel früher, bis zum Alter von drei Monaten, müsse klar sein, ob ein Kind gut hört oder nicht, so Rosenfeld, und eine eventuelle Hörstörung sollte bis spätestens zum Alter von sechs Monaten ausgeglichen sein, um Defizite zu vermeiden: Hörbeeinträchtigte Kinder schreien und lallen zwar auch, aber sie können Sprache nur mühsam oder gar nicht wahrnehmen und ihre eigenen Äußerungen nicht oder nur unvollständig kontrollieren. So beeinträchtigen unerkannte Hörstörungen die Sprachentwicklung und Begriffsbildung eines Kindes.

Das Hörscreening ist vorgeschrieben

Wie können Sie prüfen, ob Ihr Baby normal hört? Üblicherweise wird innerhalb der ersten Tage nach der Geburt ein Neugeborenen-Hörscreening durchgeführt. Seit Januar 2009 ist diese Untersuchung in Deutschland verbindlich, jedes Neugeborene hat Anspruch darauf.

In den meisten Fällen reicht es, die so genannten otoakustischen Emissionen zu messen, das sind extrem leise Geräusche, die ein normal hörendes Ohr durch die äußeren Haarzellen von sich gibt, so Jochen Rosenfeld. „Kann man diese Töne mit einem hochempfindlichen Messmikrofon im Gehörgang aufnehmen, weiß man, dass das Neugeborene normal hört. Die Messung selbst dauert nur wenige Sekunden.“
Bei den allermeisten Säuglingen verläuft das Hörscreening ohne Auffälligkeiten. Sollten sich in wenigen Einzelfällen aber Unklarheiten ergeben, wird eine umfassende Abklärung und Diagnose in einer pädaudiologischen Fachabteilung notwendig. Diese Abklärung sollte in den ersten drei Lebensmonaten erfolgen, denn danach beginnen Säuglinge ihre ersten Sprachlaute zu bilden.

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Krankheiten – und Hilfen

Die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Kind schlecht oder gar nicht hört, ist vergleichsweise gering: Ungefähr zwei bis drei von tausend Neugeborenen leiden bei der Geburt an Schwerhörigkeit. Meistens tritt das Problem im Innenohr auf, an der Hörschnecke. Diese Probleme können genetisch bedingt – also vererbt – oder erworben sein.

Zur erworbenen Innenohrschwerhörigkeit kann es durch Sauerstoffmangel während der Geburt oder durch eine Frühgeburt kommen. Gelegentlich sind Medikamente dafür verantwortlich, die die werdende Mutter einnehmen musste, oder Infekte, die sie während der Schwangerschaft durchgemacht hat. Aber auch Fehlbildungen der Ohrmuschel oder des äußeren Gehörgangs führen zu Schwerhörigkeit.
Was die Behandlung von Schwerhörigkeiten angeht, hat Jochen Rosenfeld eine gute Nachricht: „Die Fachmedizin kann sehr vielen Kindern helfen, in eine weitgehend normale Hör-Sprachentwicklung zu kommen.“ Es gebe mittlerweile zahlreiche Apparaturen, die auch sehr hochgradige Schwerhörigkeiten ausgleichen könnten, etwa spezielle Innenohrprothesen, Cochlea Implants, und bei Fehlbildungen des Gehörgangs Hörgeräte, die sich die akustische Leitfähigkeit der Knochen zunutze machen.

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Rosenfeld begrüßt sehr, dass das Neugeborenen-Hörscreening gesetzlich verankert wurde. Denn private Tests zuhause – wie etwa das laute Händeklatschen, auf das der Säugling mit Erschrecken oder Aufmerksamkeit reagieren soll – seien sehr unzuverlässig.

Wenn Sie sich also über das Hörvermögen ihres Babys im Unklaren sind, suchen Sie eine pädaudiologische Fachpraxis auf, damit Ihrem Kind bei Bedarf schnell geholfen werden kann.
In jedem Fall aber können Sie ihm Gutes tun, indem Sie ihm etwas vorsingen oder regelmäßig mit ihm in den Dialog gehen, meint der Facharzt: „Sehr junge Säuglinge nehmen vor allem Sprachmelodie und Rhythmus der Sprache oder Melodie und Rhythmus eines Liedes auf. Das ist das erste, was Kinder lernen, bevor sie Wortschatz, Aussprache und Grammatik erwerben.“
 

Der Phoniater und Pädaudiologe Dr. Jochen Rosenfeld war Leitender Oberarzt an der Klinik für Audiologie und Phoniatrie der Charité-Universitätsmedizin Berlin. Seit Anfang 2014 praktiziert er in der Abteilung für Gehör-, Sprach- und Stimmheilkunde an der Hals-Nasen-Ohrenklinik des Kantonsspitals St. Gallen.

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von LIEDERPROJEKT.ORG, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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