Entwicklung

Musik als Teil des Lebens

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Die Zwei- und Dreijährigen laufen und hüpfen mit Wonne durch den Rhythmikraum der Musikhochschule, denn gerade singt ihnen die Pädagogin ein Lied über Löwenzahnsamen im Wind und über Frösche vor. Diese Verbindung von Musik, Bewegung und Sprache ist nicht nur das typische Merkmal der Rhythmik, sie hilft auch, den Zugang zu Musik zu finden, wie Reinhard Ring erklärt. Der Professor für Rhythmik hat sich in verschiedenen Projekten eingehend mit der musikalischen und motorischen Entwicklung von Kindern befasst.

Herr Professor Ring, was verspricht man sich von rhythmisch-musikalischer Erziehung?
Die Verbindung von Musik und Bewegung kann Musikalität besonders fördern, unter anderem  weil die Gehirnregionen, die für die Motorik und das Hören zuständig sind, nah beieinander liegen. So kann eine Beeinflussung stattfinden. Wenn ein Kind zum Beispiel kein Verhältnis zum Tempo hat, dann kann die Bewegung, die ja mehr oder weniger automatisch geschieht, die Tempowahrnehmung verbessern. Glücklicherweise ist das Bedürfnis, sich zu Musik zu bewegen, gerade bei kleineren Kindern ohnehin besonders ausgeprägt.

Lied "Auf einem Baum ein Kuckuck saß" anhören

Wie können im Alter zwischen zwei und drei Jahren musikalisch-rhythmische Kurse aussehen? Und was lernen die Kinder dabei?
Man kann sich nach dem richten, was Kinder ohnehin gerne tun. Sie lieben in diesem Alter zum Beispiel die so genannten Stoppspiele, nach dem Motto: "So lange die Musik spielt, bewegt ihr euch, und wenn die Musik aufhört, stoppt ihr ". Die Kinder lachen bei ihrem ersten Stoppspiel oft. Sie finden es komisch, aber auch sehr eindrucksvoll, und wiederholen es immer wieder gerne.

Bei diesem Spiel können sie zum Beispiel ihr Reaktions- und Koordinationsvermögen trainieren. Zweitens unternehmen sie grundsätzlich gerne etwas mit anderen Kindern zusammen, auch darauf kann man eingehen. Und drittens können wir Geräte, Objekte oder Instrumente im Kurs verwenden, die zum einen Töne von sich geben und sich zum anderen für die Bewegung zu Musik benutzen lassen.

Bei diesen Spielen geht es um Gehör, Bewegung und Geschicklichkeit. Und zwischen dem zweiten und dritten Geburtstag passiert in dieser Hinsicht sehr viel. Beim Stoppspiel lernen Kinder zum Beispiel, sich zu steuern, das brauchen sie im Alltag sowieso. Sie wissen selbst, wie wichtig es ist, dass sie lernen – wie etwa im Straßenverkehr –, plötzlich anzuhalten und dann wieder weiterzugehen. Wenn sie das beherrschen, empfinden sie ein Glücksgefühl, denn sie möchten sich ja so bewegen können wie die Älteren, zum Beispiel mühelos laufen und hüpfen. Und das lernen sie mit der Rhythmik schneller. Natürlich nicht wie in einer Schulstunde, aber die Kinder sind sehr motiviert, aufmerksam und ernsthaft dabei.

Warum geht das mit Musik leichter?
Zum einen übertragen die Kinder musikalische Vorgänge auf ihre Grobmotorik. Das einfachste Beispiel dafür – was Zweijährige schon sehr gut können – ist das Springen auf beiden Beinen. So würden Kinder sonst eigentlich nicht springen, weil es kaum einen Anlass dafür gibt. Aber wenn sie eine Tarantella hören, also eine Musik, die in ihnen viel Bewegungsdrang und Energie auslöst, machen sie gerne mit, weil diese Bewegung zu dieser Musik passt.

Lied "Hab ne Tante aus Marokko" anhören

Wir wollen nicht, dass sie sich einfach nur bücken und wieder strecken, sondern wir animieren sie auch musikalisch dazu, etwa mit einer Lotusflöte, deren Klang so ‚booiiinng‘ auf- und absteigt. Das klingt witzig und gefällt Kindern, und nach einer Weile beugen und strecken sie sich auch ohne Anleitung zu dieser Musik. Sie lernen eine Musik also erst einmal über Gehör und Bewegung kennen.
Das macht es ihnen zum anderen leichter, sich etwa den Namen eines Instruments zu merken oder den eines Tiers, das mit einer bestimmten Musik beschrieben wird: die trippelnde Maus, der hüpfende Frosch oder der schwergewichtige Elefant. Und wir haben auch festgestellt, dass es hilfreich ist, wenn man viel im Sprechgesang mit den Kleinen kommuniziert. Auch wenn sie nicht jedes Wort verstehen, verstehen sie die Sprachmelodie oder auch eine Liedmelodie, und wiederholen sehr schnell, was man ihnen vorspricht oder –singt. Die Freude an diesem Singsang ist der erste Schritt, auch Lieder zu singen.

In Ihrem Projekt mit Krippenkindern sind keine Eltern dabei, und auch die Erzieherinnen machen nicht selbst beim Programm mit. Weshalb?
Das ganze Projekt steht unter dem Aspekt: Was ist der Vor- oder Nachteil, wenn wir nur mit den Kindern arbeiten? Es ist gut, dass es so viele Eltern-Kind-Gruppen gibt, aber Krippen oder andere Kindergruppen haben ihre eigenen Vorzüge. Denn heute gibt es viel weniger Möglichkeiten für Kinder, zum Beispiel auf der Straße – wie ich noch – voneinander abzugucken und zu spielen. Außerdem wachsen sehr viele Kinder als Einzelkinder auf, so dass das voneinander Lernen hauptsächlich in organisierten Räumen, etwa einer Krippe, stattfindet.
Und wir haben festgestellt, dass Krippenkinder auf diesem Gebiet den anderen sehr weit voraus sind. Denn Kinder sind grundsätzlich neugierig aufeinander, auch schon vor dem zweiten Geburtstag, und spielen gern mit anderen, vor allem wenn sie auf einem ähnlichen Level sind. In Eltern-Kind-Gruppen legen sie die Elternfixierung nie ganz ab. Außerdem können Mutter oder Vater sowieso schon alles, so dass die Kinder manchmal sogar lieber die Großen mitmachen lassen, anstatt selbst etwas zu tun.

Das kann den Nachteil haben, dass Kinder in dem Alter noch nicht lernen, sich den anderen Kindern gegenüber zu öffnen und zu erfahren, wie toll es ist, wenn man zum Beispiel zu zweit mit einem Seil spielt. Oft wird auch ein Kind von den anderen mitgezogen, zum Beispiel beim gemeinsamen Spiel auf einer Tischtrommel: Alle achten darauf, dass zum Beispiel bei einer Geschichte der dazu passende Klang entsteht, und machen untereinander Bemerkungen wie ‚leise‘ oder ‚pschscht‘. Sie brauchen dann die Gruppenleiterin oder den -leiter nicht mehr, um gemeinsam Musik zu machen.

Wie können sich Eltern dann an den Kursen beteiligen?
Eltern sind nach wie vor eine sehr große Hilfe. Sie müssen sich nur über ihre Rolle im Klaren sein. Selbst in Eltern-Kind-Gruppen bitten wir sie – natürlich nach Absprache – immer wieder, zwischendurch für ein paar Minuten hinauszugehen, damit die Kinder nicht sofort auf die Eltern ausweichen, wenn etwas schwierig ist oder nicht gleich gelingt, sondern auch eine bestimmte Frustration auszuhalten lernen. Den Kindern erzählen wir, dass wir gemeinsam mit ihnen etwas ausprobieren wollen, was anschließend den Eltern vorgeführt wird. Dieses allein Ausprobieren wird für die Kinder mit zunehmendem Alter immer reizvoller.

Lied "Brüderchen, komm, tanz mit mir" anhören

Außerdem helfen uns Eltern sehr, wenn sie mit den Kindern die Lieder auch zuhause singen, die Spiele mit ihnen machen und nach einem Kurs nicht nur fragen "Hat's Spaß gemacht?" Es ist wichtig, dass Eltern wissen wollen, was die Kinder Neues erlebt haben, damit die Kinder nicht das Gefühl bekommen, jetzt ist ein Unterhaltungsprogramm vorbei und bald  kommt das nächste. Denn dann bleiben sie nicht bei der Sache und entwickeln kein Durchhaltevermögen.

Unser Ziel und das der Eltern und der Krippen ist ja, dass Musik in den Alltag integriert wird, dass Kinder zum Beispiel auch einmal für sich selbst singen.
Am schönsten ist für uns natürlich, wenn die Eltern selbst Musik machen oder zumindest gerne singen und Musik hören. Denn als Vermittler sind sie noch wichtiger als wir es in diesen kurzen Stunden sein können. Musikalisierung kann es nur geben, wenn Erwachsene den Kindern selbst vermitteln, dass Musik zum Leben gehört.

 

Reinhard Ring lehrt als Professor für Rhythmik an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (HMTMH). Des Weiteren hält er Vorträge zu musikpädagogischen Themen und gibt Kurse in Europa, Amerika und Asien. Das Gespräch entstand auf der Grundlage des Projekts „Musikalisch-motorische Entwicklung von zweijährigen Krippenkindern“ an der HMTMH.

 

Literaturhinweise:
Reinhard Ring: Musik und Rhythmik im Kindergarten
In: Zukunft Kindergarten. Themen und Konzepte von 10 ExpertInnen der Elementarpädagogik, Gabal, Offenbach/Main 2002
Weitere Literatur unter www.reinhardring.de/vita.htm

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von LIEDERPROJEKT.ORG, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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