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Musik und Sprache – ein starkes Team beim (Zweit-) Spracherwerb

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 12 Monate

Singen ist ein wunderbarer Helfer beim Lernen, denn es fördert den Spaß an der Sprache und löst Glücksgefühle aus. Mit Liedern und Reimen kann Ihr Kind spielen, sich in die Sprache oder sogar mehrere Sprachen einhören, ihren Rhythmus erspüren und das Gedächtnis trainieren. Kommt Bewegung dazu, können Lieder kleinen Kindern helfen, die Bedeutung der Wörter zu entdecken.

Was geschieht, wenn die Kleinen nicht nur eine, sondern mehrere Sprachen erlernen, weil zuhause eine andere gesprochen wird als in der Krippe oder der Kita? Damit hat sich Monja Krafft ausführlich befasst. Die Spezialistin für Frühpädagogik am Europahaus in Aurich weiß aus ihrer Berufspraxis: „Je früher ein Kind in Kontakt mit verschiedenen Sprachen tritt, desto besser und schneller kann es sie lernen.“ Daheim, so rät sie, solle die „Sprache des Herzens“ gesprochen werden, also die, in der die Eltern sich wohl fühlen und sicher sind, in der sie sich spontan und emotional äußern können – so sind sie gute Sprachvorbilder.

Lied "Bruder Jakob" anhören

Kinder, die in der Krippe dann eine andere Sprache hören, stellen sich automatisch auch darauf ein. Schon während der ersten sechs Lebensmonate haben sie bei ihren Lautäußerungen einen Filter entwickelt, der dafür sorgte, dass Laute aussortiert werden, die nicht zur Umgebungssprache passen.

Dieser „Lautfilter“ wird nun, wenn das Kind mit der neuen Sprache konfrontiert wird, wieder erweitert. Bei Kleinkindern ist das noch unproblematisch, denn ihr Sprachfenster ist noch sehr weit geöffnet. Zweisprachig aufzuwachsen ist für kleine Kinder also nicht schwierig und fördert außerdem ihre Intelligenz.
Notwendig aber sind klare Regeln: Mit wem spricht Ihr Kind welche Sprache? Also welche Sprache mit dem Vater und welche mit der Mutter, oder welche Sprache zuhause und welche in der Kita?

Sprechen zuhause und in der Krippe

Wenn die Eltern verschiedene Sprachen sprechen – zum Beispiel die Mutter türkisch und der Vater deutsch –, kann das Kind problemlos beide Sprachen aufnehmen. Monja Krafft redet in diesem Fall vom Erlernen zweier Erstsprachen, weil die Kleinkinder die Sprachen gleichzeitig einüben. Kommt erst mit etwa drei Jahren eine weitere Sprache hinzu (etwa in der Kita, wie es häufig der Fall ist), ist das die Zweitsprache, denn die Grundstrukturen der ersten sind bereits verinnerlicht worden.

Lied "Mein Hut, der hat drei Ecken" anhören

Erzieherinnen in Krippe und Kita haben also großen Einfluss auf die Sprachentwicklung der Kinder: Sie können Sprache – auch eine zweite Sprache – in den Alltag integrieren, die schon vorhandenen Sprachmöglichkeiten des Kindes erkennen und durch Ansprache erweitern. In jedem Fall ist es entscheidend, auf die Interessen der Kinder zu achten (Was erregt ihre Neugier? Womit spielen sie?), denn sie sind der Motor der Sprachentwicklung. Und nicht nur verbale, auch nonverbale Signale sollten beantwortet werden, etwa wenn das Kind auf etwas zeigt, was es noch nicht beim Namen nennen kann.

Leichter geht es mit Musik

Musik kann diesen Lernprozess ganz wesentlich unterstützen: Mit Hilfe von Reimen und Liedern entdecken Kleinkinder die Bedeutungen einzelner Wörter, sie entwickeln ein Gefühl für die Sprache, trainieren ihre Wahrnehmung, ihr Gedächtnis. Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther ist überzeugt: „Musik ist Krafttraining für Kinderhirne“ und bezeichnet im Interview Singen als „eine der wundervollsten Körperlernübungen. Denn dabei muss das kindliche Hirn die Stimmbänder so virtuos modulieren, dass haargenau der richtige Ton herauskommt.“

Lied "Spannenlanger Hansel" anhören

Es gibt Kitas, die Sprach- und Liederzelte aufstellen. Dort hören Kinder, was ihre Eltern für sie gesungen und aufgenommen haben – in verschiedenen Sprachen. Andere Kitas bieten Eltern, am Morgensingen mit Liedern der eigenen Sprache teilzunehmen.
Kinder lernen mit Musik leichter sprechen – auch in mehreren Sprachen. Und noch etwas: sie erleben im Singen, dass es eine Vielfalt von Sprachen, Kulturen gibt – eine wichtige Erfahrung für die Kultur des Zusammenlebens in unserer Gesellschaft.

 

Die integrative Frühpädagogin und Erzieherin Monja Krafft hat umfangreiche Erfahrungen in der frühkindlichen Bildungsarbeit, ist in diesem Bereich als Referentin tätig und arbeitet in der Fachstelle „Frühpädagogik in Europa“ im Europahaus in Aurich.

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von Liederprojekt.org, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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