Entwicklung

Musikgeschmack und offene Ohren

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 6 Jahre

Gibt es für die Mozart-Arie bei Erst- und Zweitklässlern einen fröhlichen oder einen traurigen Smiley? Wie gefällt ihnen der Popsong „Bad day“, und wie kommt im Vergleich dazu ein avantgardistisches Stimmexperiment des italienischen Komponisten Giacinto Scelsi weg? Kinder entwickeln schon erstaunlich früh ein Gespür für unterschiedliche Musikrichtungen und zeigen durchaus Vorlieben und Abneigungen.

Die Musikpsychologen Reinhard Kopiez und Marco Lehmann wollten es genau wissen: Wann beginnen Kinder, eine Musikrichtung einer anderen gegenüber zu bevorzugen? In Hannover befragten die beiden über 180 Grundschüler der Klassen eins bis vier, wie gut ihnen bestimmte Musikrichtungen gefielen.

Die Kinder hörten Ausschnitte aus Popsongs, klassischer Musik, Avantgarde-Werken und ethnischer Musik, von Johann Sebastian Bach über Felix Mendelssohn bis hin zum Chor Bulgarian Voices Angelite oder dem kanadischen Popmusiker Daniel Powter. Für jedes Hörbeispiel durften die Schülerinnen und Schüler auf dem Fragebogen eine Note mit dem entsprechenden Smiley vergeben. Die Skala reichte von eins mit einem lachenden Smiley – „höre ich sehr gern“ – bis fünf mit einem traurigen Smiley und der klaren Aussage „will ich nicht hören“.

Lied "Der Winter ist vergangen" anhören

Hintergrund der Studie: Früher nahm man an, dass der Musikgeschmack sich erst im Übergang von der Kindheit zur Pubertät, im „Pubertätsknick“, entscheidend ändere. Vor ein paar Jahren ging man davon aus, dass es bereits im Alter zwischen zehn und elf Jahren so weit sei. Aber Kinder entscheiden schon viel früher, welche Musikrichtung ihnen besser gefällt als die anderen, nämlich bereits im Alter von sechs bis sieben Jahren, wie Kopiez und Lehmann in ihrem Versuch feststellten.

Konventionell oder unkonventionell?

Bis zu einem bestimmten Alter hören Kinder gern einmal Musik, die in ihren Ohren fremd klingt. Musikpsychologen sprechen deshalb von der „Offenohrigkeit“ jüngerer Kinder. Aber mit den Jahren wird die kindliche Toleranzskala kleiner, Kinder bevorzugen immer ausgeprägter eine bestimmte Art von Musik. Dieser persönliche Musikgeschmack hängt natürlich zu einem großen Teil von den Erfahrungen des Kindes und denen seiner Umgebung ab.
Vereinfacht gesagt: Ein Kind, das mit traditionellen, selbst gesungenen Volksliedern aufwächst, gewöhnt sich an einen anderen Stil als eines, das mit den aktuellen Charts aus dem Radio oder dem Internet groß wird. Allerdings kennen die meisten Kinder eher die Charts als Volkslieder, und je älter sie werden, desto mehr richten sie sich nach dem Urteil der Gleichaltrigen.

Kopiez und Lehmann waren also nicht erstaunt, dass bei den Hannoveraner Grundschulkindern der gängige Popsound durchweg am besten ankam. Aber es fiel ihnen auf, dass schon die Zweitklässler deutlich klarere Geschmacksurteile abgaben als die „offenohrigeren“ Erstklässler und insgesamt viel weniger gute Noten verteilten.
Und was die Musikpsychologen überraschte: Die klassischen Stücke schnitten bei den Zweitklässlern eher schlechter ab als die avantgardistischen und ethnischen Musikbeispiele – obwohl sie grundsätzlich die gleichen Merkmale hatten wie die Popsongs: Dur-Moll-Harmonik, erkennbare Melodien und einen durchgehenden Takt. Daran sind wir zumindest in unserer öffentlichen Musikkultur von klein auf gewöhnt, das empfinden wir als „normal“.

Möglicherweise ist genau das der Punkt: Gerade weil sich Kinder mit „normaler“ Musik am besten auskennen, entwickeln sie hier eine besonders ausgeprägte Zu- oder Abneigung gegen bestimmte Musikrichtungen. So gesehen waren für die Zweitklässler der Instrumentalklang oder die Opernstimme der klassischen Musik besonders irritierend, die urtümlichen oder experimentellen Gesänge und schrägen Harmonien in Avantgarde und ethnischer Musik dagegen eher interessant. Die älteren Grundschüler lehnten dann auch die „Exoten“ zunehmend ab.

Lied "Bunt sind schon die Wäder" anhören

Eigene musikalische Erfahrungen sind unverzichtbar

Mit der Zeit lernen Kinder, ihre Meinung und ihren Geschmack unabhängig von Erwachsenen zu bilden, und wachsen stärker in ihre eigene Altersgruppe hinein. Reinhard Kopiez und Marco Lehmann regen in ihrer Studie daher an, kindliche Musikvorlieben mit anderen Mitteln als nur Hörbeispielen zu erforschen, die von einem Erwachsenen vorgespielt werden. Zum Beispiel können Kinder Musik außerhalb der Dur-Moll-Normalität gut beim Experimentieren mit Instrumenten auskundschaften.

 

Die Musikpsychologen vermuten, dass Kinder – unabhängig vom persönlichen Musikgeschmack – ihre Offenohrigkeit auf diese Weise behalten können. Auch wenn es zur normalen Entwicklung eines Kindes gehört, sich abzugrenzen, ist die Reduzierung des Geschmacks auf einen bestimmten Musikstil keine zwangsläufige Entwicklung. Ihre jüngsten Forschungen weisen außerdem darauf hin, dass auch das Potenzial eines Stücks, körperliche Bewegung anzuregen – unabhängig von der Art der Musik – das Gefallen bestimmt: Musik, zu der man tanzen kann, gefällt Kindern in der Regel gut.

Lied "Komm, lieber Mai und mache" anhören

Eltern und Lehrer können den Kindern in jedem Fall etwas Gutes tun, indem sie sie möglichst verschiedenartige Musik hören lassen – sei es im Konzert, im Radio oder auf der CD – und die Kinder auch beim Musikmachen unterstützen, durch Singen oder auf Instrumenten. Eigene musikalische Erfahrungen und Erlebnisse lassen sich durch nichts ersetzen, weil sich das selbsterzeugte Klangerlebnis viel stärker einprägt als bloßes Hören. So kann aktives Musizieren Kindern dabei helfen, musikalische Vorlieben zu entdecken und zu entwickeln.

 

Reinhard Kopiez lehrt seit 1998 als Professor für Musikpsychologie an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Kopiez publizierte Aufsätze und Bücher, die sich unter anderem mit der Sozialpsychologie der Musik (Fußball-Fangesänge), der emotionalen Wirkung von Musik (Gänsehaut-Erlebnisse) oder der Virtuosität beschäftigen. Er war Präsident der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie und der European Society for the Cognitive Sciences of Music (ESCOM) und ist heute Herausgeber der Zeitschrift „Musicae Scientiae“.
Der Diplom-Psychologe Marco Lehmann promovierte 2010 über die alltäglichen Umgangsformen Jugendlicher mit Musik. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Sozialpsychologie der Musik und empirische Methoden der Musikforschung. Er ist seit 2011 Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft an der Universität Hamburg.

Literaturhinweise:
Der Musikgeschmack im Grundschulalter – Neue Daten zur Hypothese der Offenohrigkeit, Marco Lehmann & Reinhard Kopiez; in: Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie (Hrsg. Wolfgang Auhagen, Claudia Bullerjahn, Holger Höge), Band 21, S. 30 – 55, Hogrefe Verlag, Göttingen 2011

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von Liederprojekt.org, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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