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Kinder erfinden Musik

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 6 Jahre

Spielt Ihr Kind gern mit seiner Stimme, trommelt es mit den Händen auf Körper oder Tisch, probiert es Instrumente wie Blockflöte, Gitarre oder Klavier aus? Kinder improvisieren gern musikalisch, wenn man sie lässt. Aber können sie auch Musik erfinden, also zusammenhängende Klänge, die sich anschließend wiederholen lassen? Durchaus, berichtet die Entwicklungspsychologin Renate Reitinger, die das musikalische Vorstellungsvermögen von Kindern erforscht hat.

Frau Professor Reitinger, inwiefern sind fünf- oder sechsjährige Kinder überhaupt in der Lage, Musik zu erfinden?
Man muss sich zuerst einmal klar machen, was Musik erfinden alles bedeuten kann. Wir denken beim Stichwort Komponieren üblicherweise an große Ausnahmetalente und ausgefeilte Werke, möglichst noch in traditioneller Notenschrift. Aber der Wortbedeutung nach heißt Komponieren nur Zusammenstellen oder Zusammenlegen von musikalischen Elementen. Und das ist etwas ganz Elementares, das können auch kleine Melodien oder Rhythmen sein, die neu kombiniert oder variiert werden.

Lied "Hejo! Spann den Wagen an" anhören
 

Erfinden Kinder Musik eher mit der Stimme oder eher mit Instrumenten?
Die Stimme ist natürlich von Anfang an dabei, weil sie am frühesten trainiert wird. Schon Drei- bis Vierjährige kombinieren verschiedene Lieder in so genannten Potpourrigesängen oder ändern Lieder nach eigenem Geschmack ab. Daneben verwenden sie aber alle Gegenstände, mit denen sie Geräusche und Klänge produzieren können: Töpfe, Kochlöffel, Rasseln. Da kommt es natürlich auch darauf an, was die Erwachsenen den Kindern anbieten.

Mit fünf oder sechs Jahren wollen Kinder auch traditionelle Instrumente ausprobieren. Ich habe am Klavier mit Kindern improvisiert und komponiert, die eigentlich noch gar nicht Klavier spielen konnten – dadurch sind sie freilich auch in ihren Möglichkeiten begrenzt.
Außerdem eignet sich natürlich das gesamte elementare Instrumentarium – Xylophone, Klanghölzer oder andere Perkussionsinstrumente – sehr gut, weil die Klangerzeugung sehr einfach und direkt funktioniert. Außerdem sollten die Instrumente unterschiedliche Tonhöhen bieten, weil die Kinder sonst im rein Rhythmischen bleiben.

Oft haben sie eine Idee davon, wen oder was sie mit ihrer Musik darstellen möchten, und erzählen Phantasiegeschichten oder -szenen, in denen Personen etwas Bestimmtes erleben, einen Sturm oder etwas in der Art. Und dann muss ich abschätzen, welchen Impuls ich dem Kind gebe, damit es seine gestalterische Freiheit behält und zum Beispiel nicht einfach nur eine Gewittermusik nachspielt. Manchmal ist die Geschichte aber auch nur der Aufhänger, und die Musik verselbständigt sich dann.

Wovon lassen sich Kinder zum Musikerfinden anregen?
Entweder von außermusikalischen Ideen, eben Geschichten, Figuren mit charakteristischen Merkmalen und sogar Bildern oder Graphiken, oder aber von Musik, die sie inspiriert. Es gibt viele geeignete Hörbeispiele, auch in der zeitgenössischen Musik. Ich habe einmal Berios "Sequenza für Frauenstimme" verwendet, und die Kinder haben das gerne nachgemacht und anschließend ihr eigenes Stück im Stil von Berio erfunden.
Manchmal nenne ich auch die Namen der Kinder und frage, welche Tonnamen sich darin verstecken. Aus diesen Tönen entsteht anschließend ein Stück. Es ist erstaunlich, was Kindern selbst bei eingeschränkten musikalischen Möglichkeiten alles einfällt.

Lied "Winde wehn, Schiffe gehen" anhören
 

Und wie klingen die Kinderstücke?
Sehr unterschiedlich, je nachdem wovon sich ein Kind leiten lässt. Manche entwickeln vielleicht eine Spielbewegung, die ihnen Spaß macht und die sie dann eine Weile ausprobieren: Diese Musik klingt eher rhythmisch. Oder wenn die Kinder mit Stabspielen arbeiten oder auch am Klavier, hört man zum Beispiel sehr häufig glissandi.
Viele Kinderstücke erinnern an Neue Musik, sie klingen nicht im herkömmlichen Sinn harmonisch. Aber daneben entdeckt man auch die ganzen traditionellen  Gestaltungselemente wie Wiederholungen, Motiventwicklungen oder gegensätzliche Themen.

Was müssen Kinder in diesem Alter können, um schon so eigenständig Musik zu erfinden?
Sie bringen schon selbst sehr viel mit: Zum einen spielen und singen sie gern nach, was sie hören, und zum anderen verändern sie das Gehörte spielerisch. Das sind die Grundvoraussetzungen, um Musik zu erfinden.

Die Herausforderung liegt darin, das kindliche Angebot aufzugreifen und eine weiterführende Idee ins Spiel zu bringen. Da reicht oft schon eine einfache Nachfrage: "Das hat sich für mich angehört, als würde jemand ganz schnell um die Ecke sausen und dann plötzlich abbremsen. Wie hast du dir das gedacht?", und dann kommt etwas in Gang.

Schreiben Kinder ihre Musik auf?
Viele kennen im Alter von fünf, sechs Jahren schon Noten, wissen also, dass man Musik aufschreiben und wieder ablesen kann. Andere kann man zum Schreiben – oder Notieren – anregen, indem man ihnen vermittelt, dass man ihre Musik in Zukunft wieder spielen möchte. Dann finden sie in der Regel sehr schöne Lösungen graphischer Art, oder sie entwickeln Figuren. Dabei entstehen aber keine Kinderbilder, wie man sie sonst kennt. Diese Musikbilder haben meistens ganz eigene Erkennungszeichen. Zum Beispiel sieht man an einer Schlüsselstelle eine Rakete, wenn es eine Weltraummusik sein soll. Manche Kinder malen auch ein besonderes Zeichen an den Rand, damit sie das Stück schnell wiedererkennen.

Lied "Viva, viva la musica" anhören

Wie kann man kindliches Musikerfinden fördern?
Da gibt es zum Beispiel Lieder mit kleinen freien Teilen, so genannten Aktionspausen, in denen man den Inhalt musikalisch selbst gestaltet. In Kindergruppen kann man auch eigene Begrüßungs- und Abschiedslieder erfinden, diese Situationen gibt es ja immer wieder im normalen Alltag.

Die Gruppenleiterin oder der Gruppenleiter denkt sich zusammen mit den Kindern einen Text aus, dann werden einzelne Melodieteile improvisiert oder ausprobiert und zum Schluss aneinander gehängt. So entstehen für jede Gruppe eigene Begrüßungs- oder Abschiedslieder.
Aber das Wichtigste ist, dass Erwachsene – besonders die Eltern – erst einmal wahrnehmen, was ein Kind von sich aus schon alles macht, und das aufgreifen. 'Das interessiert mich, was du da gerade gesungen hast' oder 'Was hast du denn da gespielt auf deinem Xylophon, das war jetzt etwas ganz anderes als vorhin' zum Beispiel. Und dann fühlt sich das Kind herausgefordert, noch einmal etwas Eigenes zu zeigen, weil sein kreatives Potenzial wahrgenommen wird, auch wenn die Eltern vielleicht kein musikalisches Wissen mitbringen. Das ist das A und O.

Renate Reitinger lehrt als Professorin für Musikpädagogik an der Hochschule für Musik Nürnberg und als Dozentin in der Lehrerfortbildung.

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von LIEDERPROJEKT.ORG, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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