Kind und Umwelt

Singen: Trau dich wieder!

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 12 Monate

Als Kind wollte Birgit Münchinger immer singen, aber leicht hatte sie es damit nicht: „Du kannst nicht singen“, lautete das allgemeine Urteil, auf weitere stimmliche Förderung wurde verzichtet. Erst mit den eigenen Kindern wagte die junge Lehrerin wieder gemeinsam zu singen.
Im Gespräch erzählt Birgit Münchinger, mittlerweile Großmutter, wie sie trotz der persönlichen Rückschläge ihr Liedrepertoire bewahrt und ausgebaut hat, und stellt dann klar: Man muss kein Profi sein, um Kindern den Umgang mit der Stimme zu vermitteln.

Frau Münchinger, früher ist noch viel mehr gesungen worden, als es heute üblich ist. Haben Sie diese Erfahrung auch gemacht?
Das ist für mich ein schwieriges Thema. Ich habe eigentlich erst zusammen mit meiner älteren Tochter wieder angefangen zu singen. Ich höre zwar unglaublich gern Singstimmen, war aber von Kindheit an verbogen und habe mich nicht zu singen getraut. Aber dann fand ich, dass meine Kinder ein Vorbild brauchen, und habe Kinderliederbücher gekauft und mit ihnen gesungen. Das verflachte wieder, als sie aus dem Haus waren. Und jetzt, mit meiner Enkelin, singe ich sehr oft und gerne.

Lied "Ein Männlein steht im Walde" anhören

Sie hatten als Kind also kein gutes Verhältnis zu Ihrem eigenen Gesang. Gibt es einen Grund dafür?
Die früheste Erinnerung ist die: Meine Mutter hat mir ein Kinderkirchenlied vorgesungen, und ich war ganz stolz, dass ich das nachsingen konnte. Da muss ich etwa fünf Jahre alt gewesen sein. Dieses Lied wollte ich dem Freund meines älteren Bruders vorsingen; der war natürlich die völlig falsche Adresse! Er meinte denn auch: „Das hört sich ja furchtbar an, das habe ich schon viel besser gehört.“ Und das saß so tief, dass ich mich nicht mehr zu singen traute.

Danach verpasste ich den Anschluss. Dabei gab es in der Grundschule noch einmal eine Gelegenheit zum Singen. Eine Lehrerin war der Meinung, „Das gibt es nicht, Kinder können singen“, und nahm mich in den Klassenchor auf. Aber dann sind wir leider weggezogen, und ich hatte einen richtig unmusikalischen Lehrer, mit dem wir überhaupt nicht gesungen haben. Und in der weiterführenden Schule mussten wir dann vorsingen. Ich war wirklich scheu, nahm aber allen Mut zusammen und muss ziemlich geplärrt haben. Da sagte die Musiklehrerin zu mir: „Was, du wagst es, den Mund aufzumachen? Setz dich da hinten hin und sei still!“ Ich habe dann zuhause alleine trotzdem gesungen. Und dadurch ich habe ich einen ziemlich großen Volks- und Kinderliederschatz.

Lied "Taler, Taler, du musst wandern" anhören

Wurden Sie von Ihrer Familie nicht zum Singen ermuntert?
Nicht besonders. Ich spielte zwar Blockflöte und hatte später auch Klavierunterricht, und meine Mutter spielte Harmonium. Aber gesungen wurde nur an Weihnachten.

Freude am Singen – trotz Kindheitstrauma

Aber Sie selbst hatten trotzdem Spaß am Singen?
Ich sang, wenn ich alleine war, etwa im Garten. Oder später als Studentin lauthals im Auto. Aber nicht vor anderen Leuten. Und dann musste ich als Lehrerin in der Hauptschule einmal fachfremd Musikunterricht geben, in einer fünften Klasse. Da habe ich mich zuhause mit meinem Mann hingesetzt. Er hat versucht, mir jeweils ein Lied beizubringen, damit ich das im Unterricht mit den Schülern zusammen singen konnte. Aber irgendwann gab er auf: Mit ihm zusammen konnte ich den Ton halten, aber ohne ihn nicht mehr.
Nach der Haupt- habe ich in der Grundschule unterrichtet. Da musste ich alle Fächer abdecken; und wenn ich einmal eine Vertretung brauchte, habe ich die Kollegen gebeten: „Singt mit meinen Kindern, die kommen zu kurz beim Singen!“

Warum war Ihnen das so wichtig?
Weil ich selbst als Kind so darunter gelitten habe, nicht gut singen zu können. Deshalb dachte ich immer, dass den Kindern etwas fehlt, wenn man nicht mit ihnen singt.

Singen vermittelt Wärme

Als Ihre ältere Tochter auf die Welt kam, haben Sie auch mit ihr gesungen. Wann hat das angefangen?
Ich fing mit ihr in dem Alter an, in dem man Fingerspiele macht und ganz einfache Lieder wie "Hänschen klein" singt. Anhören

Und dann kam eine Liederfibel mit Bildchen. Später sangen wir Lieder wie die von Christiane und Fredrik, “Der Fuchs saß in der Höhle drin“, ein wenig sozialkritisch, aber mit sehr eingängiger Melodie. Da war unsere Tochter so vier, fünf Jahre alt. Und sie hat auch Musikgeschichten angehört, natürlich „Peter und der Wolf“ oder auch „Piccolo & Sax und Co.“. Da werden die einzelnen Instrumente vorgestellt, damit die Kinder Zugang zur Musik bekommen.

Dann sind Sie also zusammen mit Ihrer Tochter zur aktiven Sängerin geworden?
Ja, bis mein Mann irgendwann einmal fand: „Dieses Kind singt ja genauso falsch wie du!“ Ich habe ihm vorgeschlagen, ihr selbst die Lieder vorzusingen. Und weil er sie nicht kannte, habe ich sie ihm vorgeflötet, damit er sie nachsingen konnte. So lernte unsere Tochter richtig singen. Heute ist sie Logopädin und hat eine Zusatzausbildung als Stimmbildnerin. Sie hat die Stimme also zu ihrem Beruf gemacht.

Und wann begannen Sie mit Ihrer Enkelin zu singen?
Mit ihr fing ich viel früher an. Das begann mit den Kinderliedern, die ich kannte. Außerdem habe ich mit ihr einen Pekip-Kurs gemacht, und da lernt man ja neue Lieder, nette einfache, aber ansprechende Melodien. Die haben wir immer mit ihr gesungen, und dann weitete sich das immer mehr aus. Inzwischen holt sie dieses Wiegenlieder-Buch, schlägt eine Seite auf und sagt „Das will ich jetzt hören!“.  Außerdem gibt es immer noch diese Liederfibel, und aus dem Kindergarten bringt sie jetzt Lieder mit.

Welche Erfahrung haben Sie als Großmutter mit Ihrer Enkelin beim Singen gemacht?
Sie beruhigt sich einfach und hört zu, es wird dann ganz innig. Singen, glaube ich, verbindet enger als Sprache. Geschichten vorlesen ist ja auch schön, aber Singen bewirkt mehr Wärme.

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von Liederprojekt.org, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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