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Was Hänschen nicht lernt

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo Geburt

Schon im Mutterleib hat das Kind erste Höreindrücke gesammelt: Herzschlag, Atem, Verdauungsgeräusche und die Stimme vor allem der Mutter, aber auch anderer Menschen – all das konnte es im Lauf seiner Entwicklung wahrnehmen. Mit der Geburt ändert sich die gesamte Lebenssituation, auch die Hörerlebnisse des Kindes sind andere: Geräusche, Stimmen und Musik dringen jetzt ungefiltert an das Ohr des Säuglings.

Die entscheidende Rolle bei der künftigen Entwicklung seines Hörsystems spielen vor allem die Eltern, aber auch Geschwister und andere verwandte oder nahestehende Menschen. Der Neurologe und Musiker Eckart Altenmüller empfiehlt deshalb, mit dem Kind von Anfang an zu singen und zu sprechen. 
Denn das Gehör eines neugeborenen Kindes ist noch nicht voll entwickelt; sein Nervensystem und sein inneres Ohr müssen erst noch ausreifen. Das Kind hört anders als die Erwachsenen: So kann es etwa sehr schnelle Tonfolgen noch nicht unterscheiden und hört auch etwas leiser. Auch sehr hohe oder tiefe Töne werden ganz zu Beginn noch nicht so gut wahrgenommen.

Lied "Heut ist ein Fest bei den Fröschen am See" anhören

So lernt ein Kind hören

Trotzdem braucht das Kind, damit sich sein Gehör richtig entwickeln kann, unterschiedliche Höreindrücke. Erst so kann seine eigene Hörwelt entstehen. Natürlich fragt man sich, ob es überhaupt sinnvoll ist, mit einem Kind schon gleich nach der Geburt, wenn es noch nicht die volle Hörfähigkeit besitzt, zu singen und zu sprechen. Aber die Antwort ist eindeutig: Nur durch Hörerfahrung können Kinder ihre Wahrnehmung schärfen. Deshalb brauchen die Babys Menschen, die mit ihnen sprechen und singen.

Anfangs kann der Säugling nur einfachere und langsamere Dinge verarbeiten, erst nach und nach schnellere und längere Höreindrücke. Sein Hörgedächtnis umfasst zu Beginn bloß wenige Sekunden. Es ist kein Zufall, dass wir kleinen Kindern besonders einfache Lieder mit kurzen, einprägsamen Melodiephrasen wie etwa "Hänschen klein" vorsingen.  anhören

An diesen einfachen Liedern entwickelt das Kind die Fähigkeit, kleine Melodiestücke vorübergehend im Gedächtnis zu behalten. Diese Erinnerungsfähigkeit (die sich nicht nur auf Musik bezieht) reift innerhalb der ersten Monate aus und ist für das spätere Verstehen von Musik von großer Bedeutung. Ähnlich verläuft die motorische Entwicklung: Erst kontrolliert das Kind seine Handbewegungen, dann die Fingerbewegungen. Später, im Alter von sechs oder sieben Jahren, beherrscht es die Fingerfeinmotorik und gegenläufige Bewegungen.

Hilfreich: die Ammensprache

Nicht nur die Stimme allein vermittelt dem Kind neue Eindrücke. Zu jeder Stimme gehören ein Körper und ein Gesicht. Sprache oder Gesang werden – je nach Temperament – mehr oder weniger begleitet von Mimik und Gestik. Zudem reden die meisten Erwachsenen, auch Ärztinnen und Ärzte, mit Säuglingen und Kleinkindern anders als üblich: betont langsam, in einfachsten Sätzen, mit übertriebenen Tonhöhen- und Lautstärkeunterschieden. Diese Art des Sprechens hat sogar einen eigenen Namen, Ammensprache oder baby talk.

Ein Rückfall ins Infantile, Merkmal einer Wohlstandsgesellschaft mit überbehüteten Wunschkindern? Keinesfalls, meint Eckart Altenmüller, vielmehr steht die Ammensprache für altes Wissen, das in allen Kulturen bekannt ist: „Intuitiv nehmen wir damit Rücksicht auf die noch nicht ganz ausgereiften Wahrnehmungsfähigkeiten des Kindes. Und wenn wir so was wie ‚Ja dudu baba, wie geht’s denn Dir‘ sagen, also diese vollkommen übertriebene Sprachmelodie in der Kindersprechweise haben, dann ist das auch schon wieder eine sehr musikalische Art und Weise, Kindern das Sprechen zu vermitteln.“

Lied "Ein Mann, der sich Kolumbus nannt" anhören

 

Eckart Altenmüller erforscht die Auswirkungen von Musik auf das Gehirn. An der Staatlichen Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover leitet er das Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin.

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von Liederprojekt.org, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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