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Unverhofft ins Leben: Frühgeburten

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 7. Schwangerschaftsmonat

Der Herzschlag der Mutter ist das Prägendste, was ein Ungeborenes hören kann: Das gleichmäßige beruhigende Pulsen sorgt auch noch nach der Geburt dafür, dass Kinder sich am wohlsten fühlen, wenn wir sie nahe an unser Herz legen. Vor allem Kinder, die zu früh geboren wurden, brauchen diese Geborgenheit, berichtet der Kinderarzt und Neonatologe Christoph Bührer im Gespräch.

Als Neonatologe haben Sie recht häufig mit Frühgeburten zu tun. Was versteht man überhaupt darunter?
Eine normale Schwangerschaft dauert 280 Tage, gerechnet vom ersten Tag der letzten Regel der Frau. Aber es gibt es eine große Bandbreite: Selbst wenn ein Kind in den letzten drei Wochen vor diesem Termin zur Welt kommt, ist es immer noch keine Frühgeburt. Erst wenn es mehr als drei Wochen zu früh kommt, spricht man überhaupt erst von Frühgeburt. Das sind in Deutschland etwa acht Prozent aller Kinder.

Was können Gründe für eine Frühgeburt sein?
Manchmal der Platzmangel, zum Beispiel bei Zwillingen oder gar Drillingen. Es kann auch sein, dass die Cervix (der Gebärmutterhals) sich zu früh öffnet. Aber die häufigste Ursache einer Frühgeburt ist eine Infektion. Das Fruchtwasser enthält normalerweise keine Bakterien. Wenn doch welche hineinkommen, vermehren sie sich sehr schnell.

Die einzige Möglichkeit, sie loszuwerden, ist ein Blasensprung, damit das infizierte Fruchtwasser abläuft. Danach kommen fast immer auch Wehen.

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Ab welcher Schwangerschaftswoche wird es denn kritisch für ein Frühgeborenes?
Bei weniger als 37 Wochen spricht man offiziell von einer Frühgeburt, bei weniger als 35 Wochen ist das Kind bei der Geburt so empfindlich, dass es zunächst auf eine Neugeborenenstation in der Kinderklinik sollte. Unter 32 Wochen geht die eigentliche Gefährdung los, unterhalb von 24 Wochen liegt die Grenze der Lebensfähigkeit.
Diese Kinder sind erst einmal an der falschen Stelle, d. h. nicht mehr in dieser geschützten Umgebung der Mutter, wo alles, was das Kind brauchte, über die Nabelschnur kam, wo es geheizt war und wo es geschützt war. Diese Umgebung muss man versuchen zu re-inszenieren: Im Brutkasten ist es warm und feucht, und das Kind bekommt alles, was es an Nährstoffen braucht, über eine Infusion.

Am Anfang ist das größte Problem die Atmung, weil die Lunge das einzige Organ ist, das vor der Geburt nicht gearbeitet hat. Zu den ganz großen Fortschritten zählt, dass man einer Frau, wenn sie frühzeitige Wehen hat, eine so genannte Lungenreife-Spritze gibt. Nach ein bis zwei Tagen haben diese Lungenreife-Spritzen ihre Wirkung getan; und wenn dann das Kind auf die Welt kommt, ist die Lunge biochemisch präpariert. Trotzdem brauchen die Kinder am Anfang oft eine Atemhilfe, also einen Schlauch, den man ihnen in die Nase steckt.

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Wie können die Eltern mit dem Kind im Brutkasten Kontakt aufnehmen?
Indem sie das Kind anfassen, es mit ihren Händen umfangen. Im Mutterleib wurde es ja von der Gebärmutter umfangen. Und wir legen den Eltern, wenn es irgend möglich ist, die Kinder auf die Brust, dann kommt ein warmes Handtuch oben drüber; auch dann, wenn die Kinder beatmet sind und Infusionen haben. Da liegen sie ganz dicht an der Mutter und hören ihren Herzschlag. Und das ist Geborgenheit.

Und der Herzschlag, das ist das Wichtigste, was das Hören angeht?
Ja, vielleicht ist er das einzig wirklich Wichtige.

 

Professor Dr. Christoph Bührer ist Direktor der Klinik für Neonatologie, der Abteilung für Neu- und Frühgeborene, an der Berliner Charité.

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von Liederprojekt.org, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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