Entwicklung

Konditioniert im Mutterleib

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 7. Schwangerschaftsmonat

Schon ab etwa der Hälfte der Schwangerschaft beginnt Ihr Kind zu hören, und bis zur Geburt entwickelt sich sein Hörsystem immer weiter. Wir wissen, dass Kinder nach der Geburt Musik und Gedichte bevorzugen, die sie schon im Mutterleib gehört haben. Aber was bleibt bei dem Kind davon hängen?

Wenn der Neurologe und Musiker Eckart Altenmüller vom „statistischen Lernen“ oder von „Konditionierung“ im Mutterleib spricht, dürften sich eigentlich alle Eltern freuen, die ihr Kind möglichst früh fördern möchten. Aber was steckt hinter diesem „Lernen“ des Ungeborenen?

Lied "Auf einem Baum ein Kuckuck saß" anhören

Sobald sich das Gehör entwickelt, ab etwa der 22. oder 23. Schwangerschaftswoche, nimmt Ihr Kind die Geräusche der Außenwelt wahr. Die besonders häufigen und regelmäßigen Geräusche hinterlassen bei ihm Erinnerungsspuren. Im siebten Monat hat sich Ihr Kind beispielsweise schon an den Rhythmus und die Melodie der Muttersprache gewöhnt. Selbst wenn Sie gelegentlich eine andere Sprache sprechen, hat das keine Auswirkungen – Ihr Kind wird nach der Geburt immer Ihre Alltagssprache am interessantesten finden und Ihnen aufmerksamer zuhören. Diese Erinnerung an etwas häufig Gehörtes nennt Altenmüller statistisches Lernen.

Lied "Backe, backe Kuchen" anhören

Aber auch Konditionierungen können das Hörgedächtnis Ihres Kindes beeinflussen. Sie werden es vielleicht kennen: Auf manchen Lärm von außen oder auch auf einen lauten, ärgerlichen Wortwechsel reagieren Sie selbst mit Stress, und Ihr Blutdruck geht nach oben. Das Ungeborene erlebt Ihren Stress mit. Für das Kind heißt das: bei dieser Art Lärm kann es ungemütlich werden – es ist konditioniert. Aber kein Grund, deswegen alarmiert zu sein: Gelegentlicher Alltagsstress ist auch während der Schwangerschaft völlig normal. Hören Sie umgekehrt eine bestimmte Musik besonders gern, so wird Ihr Kind auch das spüren und sich die Verknüpfung von Wohlgefühl und dieser Musik merken.

Lied "Kindlein mein" anhören

Und was lernt das Kind nun dabei? Als bewusstes, aktives Lernen kann man diese vorgeburtlichen Hör-Prägungen nicht bezeichnen – Eckart Altenmüller sieht sie vor allem als Vorbereitung auf das spätere Hören und rät von pränatalen Bildungswünschen ab. „Um das mal ins Absurde zu treiben: es ist sicher sinnlos, als deutschsprachige Mutter einen französischen Sprachführer auf dem Bauch abzuspielen, um dem Kind bereits im Mutterleib Französisch beizubringen.“ Bleiben Sie also entspannt. Sprechen Sie mit Ihrem Kind, singen Sie ihm etwas vor und hören Sie die Musik, die ihnen gefällt – es wird Ihnen beiden gut tun.

 

Eckart Altenmüller erforscht die Auswirkungen von Musik auf das Gehirn. An der Staatlichen Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover leitet er das Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin.

 

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von Liederprojekt.org, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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