Entwicklung

Lieder, Reime, Erzählgesänge: Der Umgang mit der Stimme

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 3 Jahre

Schon ab dem dritten Lebensmonat beginnt ein Kind mit der Stimme zu experimentieren: Es spielt mit der Stimme, lallt, gluckst und kräht. Alles in seiner Umgebung nimmt es auf, und alles, was es selbst nach und nach hervorbringen kann, fließt in seine Sprachentwicklung ein. Mit drei Jahren wollen Kinder „richtig“ sprechen, und Musik kann ihnen dabei wesentlich helfen.

„Ein Kind wird sich Sprache niemals körperlos, monoton und ohne musikalische Merkmale aneignen. Die Bildung von Wörtern stellt sich als ein äußerst kreativer Prozess dar“, stellt Dierk Zaiser in seiner Expertise „Musik und Rhythmik in der Sprachförderung“ fest. Denn Sprachmelodie und -rhythmus gehören zu den typischen Merkmalen von Sprache, vor allem in der frühen kindlichen Sprechphase, wenn die Unterschiede zwischen Sprache und Musik noch fließend sind.

Aber auch wenn die Kinder schon sprechen, bietet Musik – besonders die Rhythmik, die Musik, Bewegung, Sprache und Wahrnehmung verbindet– neben der Freude an der eigenen Kreativität auch Unterstützung bei der Sprachentwicklung: Beim Musikmachen werden unter anderem Sinneswahrnehmung, Hörgedächtnis und Konzentration spielerisch mittrainiert.

Dazu können zum Beispiel Bewegungslieder beitragen oder Geschichten, die mit Instrumenten lautmalerisch oder atmosphärisch begleitet werden. Ebenso helfen Bewegungs- und Tanzaufgaben zu Musik. Das Spektrum kann um Wahrnehmungsspiele ergänzt werden wie z. B. das Erfühlen verschiedener Materialien, und um Verse, Reime und Fingerspiele wie etwa „Das ist der Daumen“! Vieles davon können nicht nur Erzieherinnen und Erzieher in der Kita umsetzen, sondern auch Eltern.

Lied „Jetzt steigt Hampelmann“ anhören
 

Die Stimme wächst mit

Ab etwa drei Jahren beginnen Kinder, einfache Lieder ganz oder teilweise wiederzugeben. Daneben haben sie Spaß am freien Spiel mit der Stimme: In „Potpourrigesängen“ hängen sie Einzelteile aus Liedern aneinander und verbinden sie mit Eigenerfindungen; oder sie erfinden kleine Geschichten in freien Tonfolgen: „Scheint die Sonne, hu-hu-huuu, und sie fürchteten sich sehr“. Diese Erzählgesänge richten sich nicht an die Umwelt; das Kind probiert für sich – etwa beim Spielen – Stimm-, Text- und Rhythmusvarianten aus. Findet sich gerade kein Text, fügt es Phantasiesilben ein. Durch diesen spielerischen Umgang mit Sprache und Musik erweitern die Kleinen ihre stimmlichen Möglichkeiten und ihren Tonumfang.

Lied "Alle Vögel sind schon da" anhören

Dreijährige können auch schon die Töne und den Rhythmus von Liedern wie etwa „Alle Vögel sind schon da“ recht sicher wiedergeben. Wer mit ihnen singt, sollte sich allerdings klarmachen, dass sie sich grundsätzlich an der Tonlage der Erwachsenen orientieren. Singen Sie also nicht zu tief mit den Kindern! Grundsätzlich eignen sich alle Lieder, die zur kindlichen Stimmlage passen und keinen zu großen Tonumfang haben.

Bei vielen älteren Liedern fällt ihre Sprache auf, die so heute nicht mehr gesprochen wird. Aber das muss kein Hinderungsgrund sein, schließlich wollen Kinder wissen, was es mit dem Rösslein in „Im Märzen der Bauer“ auf sich hat; und so können sie ihren Wortschatz erweitern. Auch andere traditionelle Kinderlieder wie zum Beispiel „Backe, backe Kuchen“ oder „Es tanzt ein Bi- Ba-Butzemann“ machen heute noch Spaß, besonders wenn die Kinder dazu klatschen, tanzen oder das Lied mit Gestik und Mimik veranschaulichen können. Regeln und der Rhythmus der Sprache prägen sich so besonders intensiv ein.

Anlässe zum Singen gibt es mehr als genug: Begrüßung, Abschied, Geburtstag, Essen, Schlafen (Klassiker sind etwa Wiegenlieder). Darüber hinaus lassen sich auch Anlässe erfinden, am leichtesten, wenn das Lied zur Situation passt, zum Beispiel auf einem Spaziergang oder in einer bestimmten Jahreszeit. Dadurch verbinden Kinder die eigene Körpererfahrung mit Sprache und Musik – und lernen so mit allen Sinnen.

Lied "Im Märzen der Bauer" anhören

 

Der Artikel entstand auf der Grundlage der Expertise "Musik und Rhythmik in der Sprachförderung" von Dr. Dierk Zaiser. Dierk Zaiser lehrt Music & Movement an der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen und ist freiberuflich als Künstler und Wissenschaftler in unterschiedlichen Arbeitsfeldern von Hoch- und Subkultur tätig. Seine Expertise verfasste er im Zusammenhang mit dem Projekt „Sprachliche Förderung in der Kita“ des Deutschen Jugendinstituts.

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von Liederprojekt.org, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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