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Musizieren - das Feuerwerk der Sinne

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 4 Jahre

Macht Klavierunterricht Kinder klüger? Verbessert das Orchester ihr Sozialverhalten? Nur wenige dieser vollmundigen und von Bildungspolitikern und Musikpädagogen gern behaupteten Einflüsse (sogenannte Transfereffekte) aktiver musikalischer Betätigung auf geistige Fertigkeiten hielten in den letzten Jahren einer kritischen wissenschaftlichen Überprüfung stand.

Der wissenschaftliche Bericht „Macht Mozart schlau?“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung aus dem Jahr 2006 hält fest: Es gibt keine Belege für ursächliche Wirkungen von Instrumentalunterricht auf einzelne kognitive Leistungsbereiche. Damit ist die Überlegenheitsargumentation, die den Nutzen von Musikunterricht begründen soll, eigentlich beendet.

Aber bedeutet dies, dass eine aktive musikalische Betätigung folgenlos für die kindliche Entwicklung bleibt oder gar unnütz ist? Die Antwort ist eindeutig „nein“ – man muss nur an anderen Stellen nachschauen.

Musikalische Aktivität zeichnet sich dadurch aus, dass sie viele Sinne gleichzeitig anspricht: Beim Chorsingen werden das Hören aufeinander, korrektes Notenlesen, eine gute Klangvorstellung und ein zeitlich genauer Einsatz gefordert. Präzise Bewegung im Toleranzbereich von Millisekunden garantiert erst, dass „Für Elise“ nicht holprig klingt. Am Musikmachen sind vierzehn Hirnareale beteiligt, was ein hervorragendes Netzwerktraining bedeutet, denn ein eigentliches Musikzentrum gibt es nicht im Gehirn. Das Musizieren bedeutet vielmehr eine außerordentlich umfassende Verbindung zwischen vielen Teilgebieten des Gehirns.

Lied "Drei Chinesen mit dem Kontrabass" anhören

Gut vernetzt

Diese vielfältigen Anforderungen hinterlassen nach einiger Zeit natürlich ihre Spuren, und so wundert es nicht, dass die Neurowissenschaft bei aktiv Musizierenden in den Hör- und Bewegungsarealen eine höhere Nervenzellendichte festgestellt hat, was einer höheren Leistungsfähigkeit entspricht.

Interessant ist auch die Verbindung zwischen sprachlichen und musikalischen Fertigkeiten: Die Hirnareale für Sprach- und Musikverarbeitung überlappen sich weitgehend. So wundert es auch nicht, dass musikalisch geschulte Kinder im Fremdsprachenunterricht bei der korrekten Aussprache von ihrem trainierten Gehör profitieren.

Lied "Bruder Jakob" anhören

Beeinflussen denn Chorsingen und Orchesterspiel möglicherweise auch das Sozialverhalten positiv? Diese Vermutung wird durch die aktuelle Forschung nicht unterstützt. Vielmehr beeinflusst die Teilnahme an einer Theater-AG Hyperaktivität und aggressives Verhalten besser als der Musikunterricht. Nach jüngeren Studien scheinen noch nicht einmal Mannschaftssportler gegenüber Nichtsportlern über höhere soziale Kompetenz zu verfügen. Ohne Ehrgeiz und Leistungsvergleich funktioniert eben weder eine Fußballmannschaft noch ein Orchester.
Die Bedingungen einer erfolgreichen musikalischen Förderung des Kindes sind hinreichend bekannt: ein eigenes Instrument, ein Raum und genügend Zeit zum ungestörten Üben, ein guter Lehrer sowie elterliche Unterstützung.

Ist Musizieren gesund?

Ist Musizieren für Kinder denn gesund? Im Sinne einer umfassenden Förderung der geistig-emotionalen Entwicklung von Kindern ist diese Frage eindeutig zu bejahen. Das Erlernen eines Instruments oder das regelmäßige Chorsingen eröffnet Kindern die Möglichkeit, sich ohne Sprache in einem anderen Kommunikationssystem differenziert emotional auszudrücken. Dies ist für den Musizierenden eine fundamentale und beglückende Erfahrung.

Lied "Die Geige beginnet" anhören

In unserer Gesellschaft gibt es für musikalisches Können eine hohe soziale Anerkennung, und das auf der Geige vorgetragene Geburtstagsständchen hat schon so manche Träne der Rührung ausgelöst. Allerdings gehört zur kindlichen Entwicklung auch eine körperliche Seite. Dem Klavierüben sollte als Ausgleich immer auch sportliche Bewegung gegenüberstehen.

Als Hilfe für Eltern bei ihrer Entscheidung für eine bestimmte Art der musikalischen Förderung hilft ein Bild: Wenn das Kind als „Pflanze“ betrachtet wird, können die elterlichen „Gärtner“ zwar die Bedingungen für eine gute Entwicklung bereitstellen (Licht, Wasser, Erde, Klima), doch sowohl ein Zuviel wie ein Zuwenig kann sich negativ auf das Wachstum auswirken.
Reinhard Kopiez

 

Reinhard Kopiez lehrt seit 1998 als Professor für Musikpsychologie an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Kopiez publizierte Aufsätze und Bücher, die sich unter anderem mit der Sozialpsychologie der Musik (Fußball-Fangesänge), der emotionalen Wirkung von Musik (Gänsehaut-Erlebnisse) oder der Virtuosität beschäftigen. Er war Präsident der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie und der European Society for the Cognitive Sciences of Music (ESCOM).
Zum Thema Instrumentalunterricht für Vorschulkinder hat Reinhard Kopiez der "Rheinischen Post" in Düsseldorf ein Interview gegeben (s. pdf).

 

 

Weiterführende Literatur:
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF, 2006): „Macht Mozart schlau?“ Kostenlos beziehbar über http://www.bmbf.de/pub/macht_mozart_schlau.pdf

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von Liederprojekt.org, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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