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Der Weg zu Sprache: Erste Laute des Kindes

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 2 Monate

Schreien, das ist das erste, was wir hören, wenn das Kind auf der Welt ist. So teilt es mit, wie es sich fühlt und was es braucht: Milch, Schlaf, Wärme, Trost. Aber nun fängt es an, mit seiner Stimme zu experimentieren. Denn mit dem Stimm- und Sprachtraining beginnen Babys schon lange vor dem ersten Wort, erklärt Michael Fuchs vom Universitätsklinikum Leipzig.

Herr Professor Fuchs, warum schreit ein Neugeborenes erst einmal und gibt keine anderen Laute von sich?
Der erste Schrei eines Kindes markiert den Beginn des Spracherwerbs. Ein kleines Kind muss ja erst einmal die Elemente seiner Muttersprache analysieren, abspeichern und erarbeiten, bevor es sie verwenden kann. Diese Grundbausteine der Sprache, also Vokale und Konsonanten, erwirbt es vor allem durch die Vorbildwirkung der Eltern. Erst nach einem bestimmten zeitlichen Vorlauf kann es allmählich Laute der Muttersprache produzieren.

Lied "Der Kuckuck und der Esel" anhören

Ab wann geben Säuglinge die ersten Vokale oder Konsonanten von sich?
Der erste Vokal, den ein Kind mit seinem Schreien produziert, ist ein a, weil es dafür nur den Mund zu öffnen braucht. Für ein i, e, o oder u muss es schon etwas mehr mit Lippen und Zunge arbeiten. Zu Beginn geben Säuglinge vor allem Vokale von sich, denn Vokale sind die Träger der Stimme. Auch beim Singen hört man die Vokale viel länger als die Konsonanten, darin sind sich Säuglingsstimme und Singen sehr ähnlich. Nach und nach treten erste Reibegeräusche auf, beispielsweise wohliges Gurren oder auch Quietschen, das dann schon erste Zischlaute enthalten kann.

Lied "Ich geh mit meiner Laterne" anhören

Wie sieht der Stimmapparat eines Kindes im Vergleich zu dem eines älteren Kindes oder eines Erwachsenen aus?
Der Stimmapparat eines Neugeborenen ist genau so aufgebaut wie der eines Erwachsenen, nur die Größenverhältnisse und die Lage der einzelnen Organe unterscheiden sich. Es gibt drei Teile: zum einen die Atmungsorgane, also die Luftröhre, die Lungen, die Bronchien und – als wichtigster Muskel zum Einatmen – das Zwerchfell. Ich muss ja erst einmal einatmen, damit ich beim Ausatmen singen oder sprechen kann.

Dann kommt der Kehlkopf mit den Stimmlippen, die den Ton erzeugen. Darüber schließlich liegen Rachen, Mundraum, Nasenhöhle und Lippen. Hier bilden wir Vokale und Konsonanten, verändern aber auch den Ton oder Klang der Stimme.
Die Stimme klingt direkt am Kehlkopf deutlich anders, als dort, wo sie die Lippen verlässt. Das gilt für Säuglinge schon ebenso. Im Unterschied zu den Erwachsenen liegt der Kehlkopf bei einem Säugling noch viel höher. Deswegen klingen auch Erwachsenenstimmen anders als die Stimmen von Jugendlichen oder von kleinen Kindern.

Lied "Grün, grün grün sind alle meine Kleider" anhören

Tritt ein Kind über sein Schreien oder Gurren schon in Kontakt mit den Eltern?
Ja, denn zum einen erfahren wir, wenn es so den Kontakt zur Umwelt aufnimmt, etwas über den Gemütszustand des Kindes. Zum anderen nutzen Kinder aber ihre Stimme schon in den ersten Lebenswochen zunehmend auch dazu, ganz bestimmte Bedürfnisse anzuzeigen. So bekommen die Eltern immer klarere Informationen darüber, was das Kind gerade möchte. Darüber müssen Eltern nicht nachdenken, sie empfinden meist intuitiv das Richtige. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass sie dem Kind zuhören.
Vonseiten des Kindes läuft das Sprachverständnis parallel zum Stimm- und Spracherwerb. Alle Eltern beobachten, dass es – etwas später – einen Zeitraum gibt, in dem das Kind viel mehr versteht, als es selbst stimmlich und sprachlich äußern kann.
 

Welche Rolle spielen Eltern bei der stimmlichen Entwicklung ihrer Kinder im Säuglingsalter?
Eine sehr wichtige, wenn nicht sogar die bedeutsamste Rolle. Allein durch den engen Körperkontakt zwischen Mutter und Vater und dem Kind – während des Stillvorgangs, während des Herumtragens, während des in den Schlaf-Singens oder Wiegen – entstehen enge lokale Beziehungen. Die wichtigen Informationen, die das Kind über seine Muttersprache sammeln muss, bekommt es vor allem von seinen Eltern.
So lernt ein Kind über die Sprachmelodie etwa, dass in der deutschen Sprache am Ende einer Frage die Stimme oft nach oben geht. Diese Elemente der Muttersprache muss das Kind erwerben, um später einen Frage- von einem Antwortsatz unterscheiden zu können. Auch die anderen Bezugspersonen des Kindes, etwa Großeltern, Onkel, Tante und Geschwister des Kindes, sind wichtige Stimm- und Sprachvorbilder.

Lied "A a vaikuci" (Litauen) anhören

 

Michael Fuchs ist Leiter der Sektion Phoniatrie und Audiologie am Universitätsklinikum Leipzig. Dort veranstaltet er seit 2002 das Leipziger Symposium zur Kinder- und Jugendstimme.

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von Liederprojekt.org, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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