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Begabung oder Übung?

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 5 Jahre

„Der ist eben begabt“: Musikalität gilt vor allem als Sache der Veranlagung, auch wenn es ums Singen geht. Gudrun Schröfel, Hochschulprofessorin und Stimmpädagogin, ist aber überzeugt, dass gerade Singen zu den grundlegenden Fähigkeiten jedes Menschen gehört und schon früh beigebracht und erworben werden kann.

Frau Professorin Schröfel, was lässt sich über die gesanglichen Fähigkeiten eines fünfjährigen Kindes sagen?
Kinder im Alter von fünf Jahren haben schon ein sehr gutes Gedächtnis, das heißt: sie können sich schon ziemlich gut Melodien merken. Ihre Singfähigkeit allerdings ist je nach Situation im Elternhaus sehr unterschiedlich. Wenn die Eltern mit den Kindern singen, beherrschen schon Drei-, Vier- und Fünfjährige viele Liedmelodien und singen sauber.

Lied "Ich brauche kein Orchester" anhören

Ist das auch schon eine stabile Stimme? Kinderstimmen klingen ja anders als die Stimmen der Erwachsenen.
Die Kinderstimme klingt natürlich anders, sehr gerade geführt, klar und hell, jedenfalls bei Kindern, mit denen zuhause gesungen wird. Ganz anders klingen Kinder, die praktisch keinerlei Vorbildung beim Singen haben. Und dann gibt es noch Kinder, die vor allem im Kindergarten mit Singen in Berührung gekommen sind.
Da hängt das Ergebnis natürlich vom Vorbild der Erzieherinnen ab, deren Ausbildungsplan ja leider häufig keinen Gesangsunterricht enthält. Und wenn deren Stimme nicht so gut sitzt und sie auch nicht in einem Chor singen, dann können sie für die Kinder zu einem ungünstigen Vorbild werden: Sie singen häufig viel zu tief und oft auch ziemlich unsauber.

Lied "Laterne, Laterne" anhören

Vermittlung ist zentral

Welche Rolle spielen Vorbilder überhaupt? Ist gutes Singen eine Veranlagung eines besonderen Kindes oder wird Singen vor allem – ob zuhause oder in der Kita – vermittelt?
Ich denke, es ist eine Sache der Vermittlung. Später in der musikalischen Entwicklung kann man von Begabung oder weniger Begabung sprechen. Aber im Alter von fünf Jahren kann man eine Begabung noch nicht beurteilen, da kommt es tatsächlich auf die Vorbildung im Elternhaus an. Und manche Eltern sind eben singend aufgewachsen, und andere haben in ihrer Familie gar nicht gesungen.

Kinder haben meist von Natur aus eine gesunde Singveranlagung. Wenn die aber nicht trainiert wird, verkümmern die Fähigkeiten. Natürlich kann man die Kinder in Kindergärten oder Musikschulkursen an das Singen heranführen und sie in kontinuierlichem Tun auf denselben Stand bringen wie die Kinder, die singend oder musikalisch geprägt aufgewachsen sind.

Außerdem hängen gesangliche Fähigkeiten mit dem Gehör zusammen. Ein musikalisches Gehör kann durch häufiges Hören klassischer Musik weitergebildet werden. Wenn das Ohr gut funktioniert, funktioniert eine gesunde Singstimme besser. Abgesehen davon singen manche Kinder sofort mit oder spielen und bewegen sich singend mit. Man muss die Kinder lustbetont fordern, da kommt es natürlich auf pädagogisches Geschick an.

Lied "Kuckuck, Kuckuck, ruft's aus dem Wald" anhören

Ohne musikalische Grenzen

Wie kann man Kindern Musik so nahebringen, dass sie ihnen Spaß macht und gefällt?
Das lässt sich nur schwer verallgemeinern. Wir hatten in der Hochschule zum Beispiel Kurse mit Vorschulkindern, für die wir Instrumentalmusik und Vokalmusik methodisch aufbereitet haben, so, dass die Kinder Motive und Themen daraus gesungen, auf Instrumenten gespielt und sie in rhythmische Bewegung umgesetzt haben.

Wir fragten Studenten und Professoren, was sie gerade im Unterricht oder im Konzert spielen, und baten sie, aus dieser Musik einen Ausschnitt für die Kinder vorzuspielen, etwa die Exposition aus einer Beethoven-Symphonie oder einen ungarischen Tanz von Brahms oder Intermezzo interrotto aus Bartóks Konzert für Orchester oder ein Schubert-Lied, einen Ausschnitt aus einer Opernarie etc. Die Kinder konnten mit den Musikern gemeinsam singen, spielen, tanzen oder sie dirigieren. Das machte ihnen einen Riesenspaß. Ich habe kein Kind erlebt, das keine Lust gehabt hätte mitzumachen.

Ich glaube gar nicht, dass man sich besondere Sorgen darum machen muss, mit welchen Methoden man den Stoff näherbringt. Schon allein die Musik selbst ist für Kinder so spannend, dass sie total motiviert sind; ich jedenfalls habe es so erlebt. Wichtig ist nur, dass es interessant bleibt.

Die Kinder müssen neugierig sein oder besser gesagt „gierig“ auf Neues. Wir erfinden rhythmische Spiele, wir improvisieren Lieder, wir bereiten spannende Höraufgaben vor, die wir spielerisch verpacken. Der Unterricht muss abwechslungsreich und immer erlebnisbetont sein, dann hält das Konzentrationsvermögen der Kinder enorm lange an.
 

Das ist natürlich ein professioneller Umgang mit Musik. Aber was können Eltern und Erzieherinnen tun?

Eltern und Erzieherinnen sollten selbst mit den Kindern singen und spielen. Sie sollten einen qualitativ hochwertigen Liederschatz erwerben, den Kindern vorsingen, mit den Kindern zur Musik tanzen oder bewegen.

Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Das Liedgut muss spannend sein für die Kinder. Es müssen gar nicht immer neue Lieder sein, es gibt ja auch sehr gute traditionelle. Die Auswahl sollte berücksichtigen, dass wir den Kindern traditionelles Liedgut vermitteln wollen und ihre Ohren offen halten für „neue“ Lieder, Melodien und Harmonien.

Lied "Guten Morgen, good morning" anhören

Später ist dann vieles Geschmackssache, aber für Kinder in diesem Alter braucht man eine hohe musikalische Qualität. Kinder haben ein außerordentlich gutes Gespür dafür.

 

Gudrun Schröfel ist Leiterin des international angesehenen Mädchenchors Hannover und des gemischten Kammerchores Johannes Brahms Chor Hannover, sowie Jurorin bei Chorwettbewerben. Ein Schwerpunkt ihrer Tätigkeit ist die künstlerische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.
Sie leitete an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover den Studiengang Elementare Musikpädagogik und war dort lange Jahre Vizepräsidentin.

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von Liederprojekt.org, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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