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Singen in der Familie!

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 2,5 Jahre

Wann haben Sie als Kind zuhause gesungen: nur an Weihnachten oder auch beim Baden oder Schlafengehen? Erinnern Sie sich noch an die alten Fingerspiele, Abzählreime und Spiellieder? Je früher und intensiver wir mit Musik in Berührung kommen, desto stärker prägt sie sich uns ein. Musikmachen bringt Spaß und Abwechslung in den Familienalltag – und verbindet Generationen!

„Wir haben zuhause früher sehr oft und in den unterschiedlichsten Situationen miteinander gesungen“, erinnert sich Marie Weller*. „Später bekamen mein Mann und ich zur Geburt unseres Sohnes ein Liederbuch geschenkt, und als ich die 300 Seiten durchgeblättert habe, ist mir aufgefallen, dass ich sehr viele Lieder schon kannte.“

Lied "Es tönen die Lieder" anhören

Die junge Mutter singt heute noch gern die Lieder aus ihrer Kindheit, auch Volkslieder wie "Es tönen die Lieder" oder "Singt ein Vogel im Märzenwald". Daneben lernt sie aber auch die neuen Stücke, die ihr mittlerweile dreijähriger Sohn aus dem Kindergarten mitbringt – das freut ihn und seine kleine Schwester, die dort die Krippe besucht.

Singen, meint Marie Weller, helfe bei so ziemlich jeder Gelegenheit: „Ich kann damit Langeweile vertreiben, die Stimmung aufhellen und eine brenzlige Situationen überbrücken. Das Schönste ist, wenn dann die Kinderaugen strahlen und man auch einmal Quatsch machen kann.“ Ihr Sohn und ihre Tochter haben das aufmunternde Singen und Mitsingen so verinnerlicht, dass ihnen die Mutter abends beim Schlafengehen lieber etwas vorsummt, anstatt zu singen – das wirkt beruhigender.

Singen begleitet den Tagesablauf

Das spontane Musikmachen im Alltag hat Marie Weller in ihrer eigenen Kindheit erfahren. Für ihre Mutter Heike Arnold war das Singen mit den beiden Töchtern, etwa im Auto – in dem es damals noch keinen CD-Player gab –, abends beim Schlafengehen, in den verschiedenen Jahreszeiten und natürlich an Weihnachten selbstverständlich: „Meine ältere Tochter hat schon früh mit mir zusammen zweistimmig oder Kanon gesungen, einfach weil wir es sehr oft gemacht haben.“ Heute noch singt Heike Arnold mit ihrem eigenen Vater – dem Urgroßvater ihrer Kinder – an Weihnachten zweistimmig. Ihr Mann dagegen war nie ein großer Sänger, sondern begleitete die Lieder lieber auf dem Schlagzeug.

Lied "Bruder Jakob" anhören

Auch der Mann ihrer Tochter Marie sang nicht ganz freiwillig: Er hatte Hemmungen, seine Stimme in Gegenwart seiner musikbegeisterten Frau hören zu lassen. Aber als er einmal den Sohn hüten musste, wollte der, als der Vater ihm vorlas, unbedingt die vertrauten Lieder hören, erzählt Marie Weller: „Da hat er gemerkt, dass es unserem Sohn ganz egal war, ob die Töne jetzt stimmen oder nicht, ihm war wichtig, dass das gemeinsame Singen im Vordergrund stand“.

Musik als Gemeinschaftserlebnis

Mutter und Tochter geht es neben dem Spaß an der Musik auch um die Singtradition. Heike Arnold unterrichtet an einer Förderschule und beobachtet, dass die jungen Erwachsenen, die dort ihr Freiwilliges Soziales Jahr leisten, kaum noch Lieder kennen und auch nicht gern singen – meist aus Angst, Fehler zu machen: „Wenn sie dann das ganze Jahr unsere Lieder hören, steigen sie am Ende auch mit ein. Dann kommen sie hinterher schon einmal zu mir und sagen, sie hätten hier singen gelernt.“
Aufgefallen ist ihr, dass die Schulkinder statt der traditionellen Kinderlieder lieber Stücke von aktuellen Liedermacher-CDs mit- und nachsingen. Heike Arnold führt es zum einen darauf zurück, dass Eltern mit ihren Kindern immer weniger selbst Musik machen. Außerdem seien die Kinder verschieden: „Es gibt solche, die auf den Fußballplatz gehen und sich damit auch identifizieren, und andere, die beim Spielen vor sich hin trällern oder eigene Melodien erfinden.“

Lied "Mein Hut, der hat drei Ecken" anhören

Doch ganz unabhängig von den persönlichen Vorlieben der Kinder sieht sie die großen Vorteile, die gemeinsames Singen und Musizieren mit sich bringen können: das Gefühl für Metrum und Rhythmus, die Bewegungsfähigkeit, die bei Musikspielen trainiert wird, und die Fähigkeit, sich Texte zu merken. Das Spielen am Computer- oder Handydisplay bliebe dagegen zweidimensional.

Auch Tochter Marie Weller steht dem zunehmenden Konsum von Unterhaltungsmedien kritisch gegenüber: „Beim zusammen Singen braucht man Gemeinschaftssinn. Man muss versuchen, mit anderen in Gleichklang zu kommen. In unserer Gesellschaft wird heute aber vermittelt, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist und allein schwimmen muss. Und das spiegelt sich auch in der Mediennutzung wider.“

*Namen geändert

Literaturhinweise:
„Komm, sing mit mir – Denn jedes Kind kann singen lernen“, Carus/Reclam 2012

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von LIEDERPROJEKT.ORG, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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