Kind und Umwelt

Wie Musik (Sprach-)Grenzen überwinden hilft

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 4 Jahre

„Im Dschungel gibt es heut ein Fest, auf dem es sich gut tanzen lässt. Und alle Tiere sind dabei, die Trommeln schlagen eins, zwei, drei!“ singen die Vierjährigen im Stuhlkreis. Alle blicken gespannt auf das Mädchen, das jetzt den Kreis betritt und möglichst naturgetreu eine Löwin spielt. Danach dürfen andere eine Schlange oder einen Papagei darstellen. So erlernen die Kinder die Bedeutung der Tiernamen – spielerisch und eindrücklich zugleich.

Denn hier, in der Kindertagesstätte des Familienzentrums Vahrenwald in Hannover, haben die meisten Kinder einen Migrationshintergrund, so Leiterin Anne-Gret Schneider: „60 Prozent der Kinder sprechen noch kein Deutsch, wenn sie zu uns kommen, und 40 Prozent wachsen entweder zweisprachig auf oder sprechen ansatzweise deutsch.“ Insgesamt achtzehn Sprachen sind in der Kita Vahrenwald zu hören. Mehrsprachigkeit ist hier ausdrücklich erwünscht.
Damit die Kinder ihre Familiensprache und Deutsch gleich gut erwerben und einsetzen können, ist allerdings die Zusammenarbeit von Kita und Familie unerlässlich, erklärt Anne-Gret Schneider.

Schließlich lernen Kinder den Umgang mit Sprache vor allem zuhause: „In den Familien, in denen ein Elternteil sich schon gut in der deutschen Sprache auskennt, motivieren wir die Eltern, die Kinder zweisprachig aufwachsen zu lassen. Eltern, deren Deutsch noch nicht sicher ist, motivieren wir, nur in der Muttersprache zu sprechen“.

Für Mutter-Kind-Gruppen gibt es außerdem das von der Stadt Hannover geförderte Programm „Griffbereit“, für Kita-Kinder das Programm „Rucksack“. Hier können sich Mütter mit dem Kita-Alltag und den Bildungsinhalten ihrer Kinder vertraut machen und bringen Lieder oder Spiele aus ihrem eigenen Sprachraum mit.

Musik gehört zum Kita-Alltag

Denn Musik spielt in dem sprachlichen und interkulturellen Austausch zwischen Kita, Eltern und Kindern eine große Rolle, erzählt Erzieherin Steffi Hustedt, zuständig für die Sprachförderung und das Rucksack-Programm. Darauf sprechen Kinder immer an: „Wenn sie die deutsche Sprache noch nicht so gut beherrschen, verwenden wir einfache Lieder oder auch Spiele, damit sie ganz schnell mitmachen können und in der Gruppe ankommen.“

Das fängt schon im Morgenkreis an, wenn die Kinder Begrüßungslieder wie „Guten Morgen in diesem Haus“ singen.
Außerdem arbeitet die Kita Vahrenwald mit Musiklehrerinnen der städtischen Musikschule zusammen. Anita Sreckovic zum Beispiel bietet jeden Mittwoch in zwei Gruppen den Kurs „Singen-Spielen-Tanzen“ an.
Zu ihrem Repertoire gehört etwa das Lied „War einmal ein Elefant“, in dem ein paar Kinder nacheinander verschiedene Tiere darstellen und miteinander tanzen. Die anderen singen dazu nach jeder Strophe den Refrain „Oh la la-la-la“. Das können auch die Kinder, denen Deutsch noch schwerfällt.

Diese Spiellieder greift Anita Sreckovic in den Kursen immer wieder auf, so können die Kinder mit der Zeit auch die Strophentexte lernen. Rhythmus und Melodie der Lieder, Klatschen und Tanzen helfen ihnen dabei. Um den selbstverständlichen Umgang mit verschiedenen Sprachen zu erleichtern, singt Anita Sreckovic mit ihnen ab und und zu auch etwa spanische oder russische Lieder.

Sogar die Tatsache, dass sie selbst einen fremdsprachigen Hintergrund mitbringt, hilft den Kindern: „Ich habe festgestellt, dass sie immer begeistert sind, wenn ich etwas in meiner Muttersprache sage. Weil sie denken, ‚Aha, guck mal, sie ist ja genau so wie ich, sie spricht ja auch eine andere Sprache‘.“

Mehrsprachigkeit als Erfolgsformel

Viele Erzieherinnen und Eltern singen anderssprachige Lieder in der Kita. Und Geburtstagskinder bekommen ihr Ständchen nach Möglichkeit in ihrer Muttersprache gesungen – mit positiven Folgen, meint Steffi Hustedt: „Die Kinder sind natürlich stolz ihrer eigenen Muttersprache gegenüber und haben keine Scheu, ihre Sprache auch mit anderen Kindern zu sprechen. Ich glaube, das ist der Schlüssel: Wenn sich die Kinder trauen, in ihrer Sprache zu sprechen, kommen sie auch ganz schnell in die deutsche Sprache.“

Wichtig sei außerdem, auch außerhalb der Musikkurse Musik und Sprache mit Spiel und Darstellung zu verbinden: Wenn Steffi Hustedt etwa die „Kleine Schnecke“ im Lied „hinauf“ und „hinten wieder runter“ kriechen lässt, baut sie schon einmal aus einem Tisch und Polstern einen Berg für die Kinder. Die krabbeln dann „hinauf“ und „hinunter“ und erfahren so die Bedeutung der Worte ganz unmittelbar. Und ein Lied wie „Höchste Eisenbahn“ lädt ohnehin dazu ein, zusammen mit den Kindern eine zischende, puffende Dampflok darzustellen.

Hilfreich sind auch CDs mit deutschen und anderssprachigen Liedern, die mit den Kita-Kindern in regelmäßigen Abständen produziert werden. Anne-Gret Schneider wählt für die Aufnahmen gezielt Lieder und Verse aus, die den Wortschatz und die Sprachfähigkeit fördern, denn Kinder und Familien hören „ihre“ CD zuhause immer wieder. Von der praktizierten Mehrsprachigkeit, meint die Kita-Leiterin, profitieren übrigens alle Kinder: „Die deutschsprachigen Kinder haben eine hohe Motivation, Fremdsprachen zu lernen, weil fast alle anderen mehrere Sprachen sprechen. Und das wollen sie natürlich auch.“

 

 

Die Hörbeispiele stammen von der CD „Ich bin ein Kind von Sonne, Mond und Sterne“ des Familienzentrums Vahrenwald 2013
Audiodateien mit freundlicher Genehmigung von mb-ton/Matthias Butenschön
 

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