Entwicklung

Am Anfang war das Neuron

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 3./4. Schwangerschaftsmonat

Die Entwicklung des ungeborenen Kindes wird von vielen inneren und äußeren Vorgängen beeinflusst. Über die Reifung der Sinnesorgane und den Aufbau des Nervensystems hat „Ganz Ohr! Musik für Kinder“ mit dem Musiker und Neurowissenschaftler Eckart Altenmüller gesprochen.

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Herr Professor Altenmüller, wie weit ist denn ein Kind im dritten Schwangerschaftsmonat schon entwickelt?

Ein drei Monate alter Fetus sieht schon fast aus wie ein kleiner Mensch. Er ist etwa sieben Zentimeter groß und hat Arme und Beine, auch die Finger kann man schon unterscheiden. Und man sieht bereits die wesentlichen Strukturen des Gehirns: den Hirnstamm, das Mittelhirn, das Zwischenhirn, sogar das Großhirn und die beiden Großhirnhälften.

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Welche Sinne sind denn zu diesem Zeitpunkt schon ausgebildet?

Wahrscheinlich ist der erste Sinn der Geschmackssinn. Ein drei Monate alter Fetus trinkt schon mit großer Begeisterung Fruchtwasser, und zwar umso lieber, je süßer es ist. Man konnte nachweisen, dass er in der Zunge und im Gaumen Geschmackspapillen hat. Und er beginnt in diesem Alter zu fühlen. Das Kind kann sich selbst berühren und jetzt auch schon anfangen, Daumen zu lutschen.
Das Hören dagegen steckt gerade noch im Aufbau: Das äußere Ohr und die Gehörknöchelchen, das Mittelohr, sind zwar schon weitgehend ausgebildet. Aber das Innenohr ist noch nicht vollständig aufgebaut, und auch die Verbindung der Hörzentren zum Großhirn ist noch nicht ausgereift. Im dritten Schwangerschaftsmonat geht man noch nicht von einem richtigen Hören aus.

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Das Schmecken ist also da, das Fühlen auch, und der Gehörsinn bildet sich gerade heraus. Wie geht es weiter?

Kurz nach dem Hören kommt das das Sehen, so dass wir diese Reihenfolge haben: Schmecken, Fühlen, Hören, Sehen. Und das Riechen wird wahrscheinlich erst nach der Geburt aktiviert. Aber natürlich bildet sich auch das Riechen schon vorher aus.

Entwickeln sich Gehirn und Nervensystem gleichförmig über die ganze  Schwangerschaft?

Nein, das ist nicht so. Es gibt besonders intensive Reifungsphasen, und ganz entscheidend sind die ersten zwei Monate: Zunächst bildet sich das Nervensystem aus der Neuralplatte, das ist eine Reihe von Zellen. Die Neuralplatte rollt sich zu einem Rohr, das dann verschlossen wird, und aus diesem Neuralrohr entstehen Rückenmark und Gehirn. Innerhalb der ersten vier bis zwölf Schwangerschaftswochen können im Gehirn des Fetus pro Minute bis zu -zigtausend neue Nervenzellen entstehen.
Das ist also ein gigantischer Wachstumsschub, und in dieser Zeit reagiert das Nervensystem natürlich auch besonders empfindlich auf Störungen. Wir wissen zum Beispiel, dass manche Medikamente den Verschluss des Neuralrohrs hemmen können. Selbstverständlich werden diese Medikamente durch andere ersetzt. Aber in jedem Fall gibt es ganz entscheidende Phasen. Die ersten Monate sind die allerwichtigsten!

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Eckart Altenmüller erforscht die Auswirkungen von Musik auf das Gehirn. An der Staatlichen Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover leitet er das Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin.

 

 

 

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von Liederprojekt.org, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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