Entwicklung

Ein gutes Tandem: Sprache und Musik

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 4 Jahre

Der Plüschhase Paul ist wirklich ein Schussel: Eben hat er auf dem Klavier noch „Alle Vögel sind schon da“ gespielt; jetzt spielt er das Lied noch einmal von einem anderen Ton aus – und weiß nicht mehr, ob er es auch diesmal richtig gemacht hat. Denn Paul ist sehr vergesslich. Nun müssen ihm die Kinder helfen: war die Melodie beim zweiten Mal gleich oder war sie anders?

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Paul heißt im bürgerlichen Leben Dr. Stephan Sallat. Und er lässt die vier- und fünfjährigen Kinder nicht nur hören, ob eine Melodie zweimal gleich klingt oder nicht. Er spielt ihnen auch Lieder vor, die sie erkennen sollen, etwa „Hänschen klein“ oder „Es war eine Mutter “. Und schließlich lässt Paul alias Stephan Sallat die Kinder auch noch vorsingen.

Denn Stephan Sallat ist Musik- und Sprachbehindertenpädagoge. Er wollte herausfinden, ob die sprachlichen und die musikalischen Fähigkeiten von Kindern zusammenhängen. Nun gibt es zwar standardisierte Sprachtests. Aber es existiert nichts Vergleichbares in der Musik. Stephan Sallat erfand also Musikaufgaben, die denen im Sprachtest ähnlich sind : Hört das Kind bei einem bekannten Lied Fehler in der Melodie oder im Rhythmus? Erkennt es „Hänsel und Gretel“ beim Vorspielen? Trifft es beim Singen von Kinderliedern die richtigen Töne, und kann es einen Rhythmus nachklopfen? Musikalische Fähigkeiten sind – ähnlich wie sprachliche – sehr vielfältig.

Lied „Hänsel und Gretel“ anhören

Eng verbunden

Vierjährige erkennen üblicherweise Lieder, hören Fehler in der Melodie und singen einfache Lieder und Melodien nach. Bis zu ihrem fünften Geburtstag verbessern sich vor allem ihr Rhythmusgefühl und ihr Gedächtnis, denn Vierjährige können sich noch nicht so stark auf etwas konzentrieren. Oft haben sie schon einen großen Wortschatz, den sie aber nicht immer gebrauchen: Sie wissen genau, wann sie zum „Spielplatz“ gehen und wann in die „Badewanne“, sprechen aber nicht darüber.
Paul alias Sallat testete deshalb, ob die Kinder Sprachregeln kennen und anwenden, auch bei neuen oder nicht existierenden Wörtern. Die Mehrzahl von Buch heißt Bücher, die Mehrzahl von Auto heißt Autos, wie heißt dann die Mehrzahl von „Tulo“? Für ein vierjähriges Kind normalerweise kein Problem: natürlich „Tulos“!

Lied "Es war eine Mutter" anhören

Sallat fand außerdem heraus: Kinder erkennen und wiederholen Sätze so wie Melodien und merken sich eine Reihe von Wörtern auf dieselbe Weise wie eine Reihe von Tönen. Aus der musikalischen Entwicklung kann man auf die sprachliche schließen.

Das Potenzial der Musik

Normalerweise beginnt ein Kind um den ersten Geburtstag herum die ersten Wörter zu bilden. Schnell wächst sein Wortschatz, das Kind formt erst kurze Sätze mit zwei oder drei Wörtern, dann immer längere, sogar mit Nebensätzen: „Ich mag die Banane, weil die gut schmeckt.“ Bis zum fünften Geburtstag hat das Kind üblicherweise die Grundregeln der Sprache erworben.

Für knapp zehn Prozent der Kinder gilt das nicht. Manche sind einfach etwas später dran und holen den Sprachrückstand bis zu ihrem dritten Geburtstag auf. Andere brauchen noch etwas länger, lernen aber neue oder schwere Wörter beim Singen oder indem sie sich zu den Liedern bewegen. Aber bei fünf bis sieben Prozent der Kinder, so Sallat, stellt man eine so genannte spezifische Sprachentwicklungsstörung fest. Diese – ganz normal intelligenten – Vierjährigen können weder die Mehrzahl etwa von „Tulo“ bilden noch sich längere Sätze merken. Sie erkennen auch nicht den Unterschied zwischen einer richtig und einer falsch gespielten Melodie. Sprachlich sind sie auf dem Stand deutlich jüngerer Kinder.

Lied "Hänschen klein" anhören

Es gibt keine einfache Erklärung für diese Sprachverzögerung, aber Stephan Sallat kennt zumindest Risikofaktoren, die zusammenkommen können: Wenn ein Kind ohnehin etwas später mit dem Sprechen anfängt, kaum sprachlich angeregt wird und dann vielleicht noch häufig Mittelohrentzündungen bekommt, wird eine Sprachentwicklungsstörung wahrscheinlich.
Diesen Kindern nützt es nicht, wenn sie Lieder singen, denn ihre musikalische Entwicklung ist ebenso verzögert wie ihre sprachliche. Ihnen kann Musiktherapie ohne Sprache helfen: sie lernen, sich Melodien und Rhythmen zu merken, erst kürzere, dann längere. Auf diese Weise können sie auch ihr Sprachgedächtnis verbessern – die Grundlage für die Sprachentwicklung: Wer sich mehr Wörter merken kann, kann auch Neues leichter erkennen und einem Gespräch besser folgen.

Lied "Jimba, Jimba" anhören

Die Beschäftigung mit Musik hat also viel Potenzial: Sie kann die Wahrnehmung, Konzentration und Aufmerksamkeit verbessern und so zur Entwicklung der Kinder beitragen. Wichtig ist daneben aber immer auch, dass die Kinder einfach Freude an der Musik haben: Quatschlieder zum Beispiel machen Spaß – und sind gut für den Umgang mit Sprache und Stimme.

 

Stephan Sallat hat Musik- und Förderschulpädagogik an der Universität Leipzig studiert. Für seine Promotion verglich er Erkenntnisse über den Erwerb von Sprache und musikalischen Fähigkeiten mit denen der Gedächtnisforschung und erhielt dafür den Deutschen Studienpreis. Derzeit arbeitet Stephan Sallat an der Universität Leipzig im Fachbereich Pädagogik mit Förderschwerpunkt Sprache und Kommunikation.

 

Weiterführende Literatur:

Sallat, Stephan: Musikalische Fähigkeiten im Vorschulalter, in: Musikpsychologie, Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie 2012, Band 22, Göttingen: Hogrefe

Sallat, Stephan: Der Ton macht die Musik - und die Sprache, in: Logos interdisziplinär 2/2009, 84-92

Sallat, Stephan; Spreer, Markus: Exklusive Förderung ermöglicht Teilhabe. Bildungs- und Berufsbiographien ehemaliger Schüler der Sprachheilschulen. Sprachheilarbeit 2/2011, 78-86
 

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von Liederprojekt.org, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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