Entwicklung

Mit Musik ins Leben

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo Geburt

Das Kind kommt als scheinbar fertiger kleiner Mensch auf die Welt. Schon im Mutterleib hat es erste Erfahrungen gesammelt. Doch mit der Geburt beginnt die eigentliche Lernphase. Zu Beginn erlebt der Säugling die Welt fast ausschließlich über seine Sinneseindrücke – Riechen, Hören oder Schmecken. Sie sind entscheidend für die weitere Entwicklung.

Send mail

Man könnte annehmen, das Gehirn eines Kindes sei bei der Geburt schon fertig ausgebildet. Forscher wie der Neurologe und Musiker Professor Dr. Eckart Altenmüller wissen jedoch, dass das Gehirn auch nach der Geburt noch reifen und sich entwickeln muss. Grundsätzlich ist die Ausbildung des menschlichen Gehirns nie ganz abgeschlossen; seine Formbarkeit und Aufnahmefähigkeit bleibt bis ins hohe Erwachsenenalter erhalten. Selbst die Nervenzellen und die neuronalen Strukturen als Grundlage dieses lebenslangen Lernens brauchen Jahre und Jahrzehnte, bis sie voll ausgereift sind.

Lied "Widewidewenne" anhören

Der Gehörsinn etwa ist bei der Geburt noch nicht voll entwickelt, weil vor allem noch die Markhüllen um die entsprechenden Nervenfasen fehlen. Ein Neugeborenes hört daher ungenauer als ein Erwachsener. Außerdem sind die für das Hören notwendigen Verschaltungen in Hirnstamm, Mittelhirn und Großhirn noch nicht ausgebildet. Erst in der Auseinandersetzung mit der Umwelt und in der Reifung des Nervensystems entwickelt sich das Hörsystem des Neugeborenen so weit, dass es später einmal so hören kann wie die Erwachsenen. Gefragt sind hier vor allem die Eltern, die mit dem Kind sprechen oder ihm etwas vorsingen.

Lied "Hoppe, hoppe Reiter" anhören

Auch Hören stärkt die Bindung

Zwar sind die wichtigsten Sinneseindrücke für den neugeborenen Säugling erst einmal der Tastsinn und der Geschmack, die zum Saugen an der Brust oder Flasche notwendig sind. Außerdem entwickeln Säuglinge bald ein relativ feines Geruchssystem und können zum Beispiel den Geruch der Mutter aus vielen anderen Gerüchen heraus sofort erkennen. Aber auch das Hören – etwa der elterlichen Stimmen – ist für die soziale Bindung schon früh von Bedeutung. Erst etwas später entwickelt sich das Sehen, da Menschenkinder im Gegensatz zu vielen Tierkindern lange getragen werden, bevor sie sich selbst fortbewegen können.
Noch deutlich länger braucht das sensomotorische System, also das Zusammenspiel von Bewegung und Sinneswahrnehmung. Eine voll entwickelte Sensomotorik haben erst Acht- bis Vierzehnjährige – so groß können die Schwankungen sein. Die meiste Zeit aber benötigt das Sozialverhalten: Dort, wo es programmiert wird, im unteren Stirnhirn, ist die Ausreifung erst im Alter von etwa 20 Jahren abgeschlossen.

Stimulation statt Reizüberflutung

Unser hochkomplexes menschliches Nervensystem braucht also zwei Jahrzehnte Zeit, bis es sich – in ständiger Auseinandersetzung mit seiner Umwelt – voll entwickelt hat. Deshalb ist für Kinder die entsprechende Stimulation unersetzlich. Das bedeutet aber nun nicht Reizüberflutung durch Musik, Bilder, Filme etc. Vielmehr sollten Kinder den verschiedenen Sinnesreizen in bestimmten Episoden Zeit und Aufmerksamkeit widmen können.

Lied "Wer hat die schönsten Schäfchen" anhören

Denn die Entwicklung von Hirn und Nervensystem läuft nicht gleichförmig ab: Es gibt so genannte sensible Phasen, also besonders empfindliche Zeitperioden. Für das Gehör heißt das zum Beispiel: Wenn ein Kind bis zum Alter von vier oder fünf Jahren nicht hören konnte, wird es zeitlebens Schwierigkeiten haben, etwa Sprachlaute zu differenzieren, selbst wenn es dann eine Hörprothese, ein so genanntes Cochlea-Implantat bekommt.

 

Eckart Altenmüller erforscht die Auswirkungen von Musik auf das Gehirn. An der Staatlichen Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover leitet er das Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin.

 

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von Liederprojekt.org, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

 

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo Geburt