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Wozu Musik in der Grundschule?

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 6 Jahre

Nun geht Ihr Kind zur Schule, oder es bereitet sich gerade darauf vor. Vielleicht bringt es ja schon einen Schatz an Liedern und Musikspielen von zuhause oder aus der Kita mit, vielleicht spielt es sogar ein Instrument. Aber wie geht es in puncto Musik in der Schule weiter, und vor allem: Was kann Musikunterricht in der Grundschule leisten?

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Wahlweise soll er junge „Komponistinnen und Komponisten entdecken“ helfen oder „differenziertes Wahrnehmen, Erleben und Gestalten“ vermitteln – je nach Bundesland. Bildungspolitik ist Ländersache, und so fallen auch die Lehrpläne für den Musikunterricht unterschiedlich aus: Die Skala reicht von der Musikerziehung nach Teilrahmenplan bis hin zum Fächerverbund Mensch-Kultur-Natur, bei dem Musik eher mit einfließt.

Franz Riemer, Präsident des Landesmusikrats Niedersachsen, hält es allerdings für unverzichtbar, dass Musik als eigenständiges Fach unterrichtet wird: „Es geht darum, Kindern Freude am musikalischen Tun und grundlegende Informationen über Musik zu vermitteln.“

Und weil es für die sängerisch-rhythmische Förderung und den Aufbau eines Liedrepertoires auch bei den Jüngsten spezielle Kenntnisse und Fertigkeiten braucht, setzt sich Riemer für Fachlehrer schon ab der ersten Grundschulklasse ein.

Dass es genau daran mangelt, weiß er freilich auch: „In Niedersachsen zum Beispiel ist es derzeit so geregelt, dass in den ersten beiden Jahren Musik in den Tagesbetrieb integriert wird. Für die erste und zweite Klasse sind also vor allem die Klassenlehrer gefordert. Und da wäre es wünschenswert, wenn sie entweder Musiklehrer wären oder musikalisch ausreichend gebildet, um kompetent Musik unterrichten zu können."

Lied "Der Kuckuck und der Esel" anhören

Musikunterricht ist unersetzlich

Trotzdem kann Musikunterricht in der Grundschule durch nichts ersetzt werden. Da ist sich Riemer sicher, auch wenn er die Zusammenarbeit von Schulen mit Ministerien, Stiftungen oder Musikschulen sehr schätzt. Ob "Wir machen die Musik“ oder das Kulturagentenprogramm, bei dem Künstler Projekte an Schulen veranstalten: „Die Kooperation mit außerschulische Institutionen funktioniert nur wirklich gut, wenn auch kompetente Lehrer in der Schule sind.“

Nur der Schulunterricht erreiche verlässlich alle Kinder. Durch Chorklassen etwa könne gemeinsames Singen zu einem selbstverständlichen Bestandteil im Schulalltag werden.

Gerade Singen empfiehlt sich seiner Meinung nach auch, um in der ersten Klasse alle Kinder abzuholen, von denen manche mit Inbrunst ihre Lieblingslieder intonieren, ein paar wenige ein Instrument spielen und viele Musik bloß als akustische Dauerberieselung kennen. Grundschullehrerinnen und -lehrer müssen sich etwas einfallen lassen, um die einen zu unterstützen, ohne dass die anderen sich langweilen.

Viele Wege führen zum Musikerwerb

Aber besonders der Beruf eines Lehrers verlange, mit unterschiedlichen Fähigkeiten umgehen zu können, meint dazu Christiane Joost-Plate. Die Musikpädagogin und Niedersächsische Fachsprecherin „Musik mit Menschen mit Behinderung“ setzt sich für inklusiven Unterricht ein, also für gemeinsamen Musikunterricht von behinderten und nicht-behinderten Kindern – nicht nur deswegen, weil eins ihrer Kinder, mittlerweile eine begeisterte und aktive Musikerin, mit Down-Syndrom auf die Welt kam: „Ich bin der Meinung, dass inklusiver Unterricht, wenn er richtig gestaltet wird, nichts weiter ist als pädagogisch guter Unterricht.“

Lied "Bei meiner Tante Josefine" anhören

Christiane Joost-Plate spricht in diesem Zusammenhang auch eher von unterschiedlichen Voraussetzungen als von Behinderung. Gerade Musik, die ja auch intuitiv aufgenommen und umgesetzt wird, ermögliche es, alle Kinder in den Unterricht einzubinden. Singen oder Summen, Lautieren und rhythmisches Klatschen oder Gehen könnten von Musikpädagogen mit entsprechenden Ideen sinnvoll eingesetzt werden, meint sie: „Das sind Abläufe, die zunächst einmal nichts damit zu tun haben müssen, ob jemand in Sachen Kulturfähigkeit kognitiv erreichbarer ist als der andere.“

So lasse sich auch ein guter sozialer Kontakt und Austausch der Kinder untereinander herstellen. Die Kunst dabei sei, jedem Kind eine seinen Fähigkeiten angemessene Aufgabe zu geben: „Die einen sind typische Anführer und wollen in ihrer Gruppe die Vorspieler oder -sänger sein, und andere finden es toll, dazu rhythmisch bunte Tücher zu schwenken.“

Für ein Kind mit verzögerter kognitiver und motorischer Entwicklung ist das Prinzip der kleinen Schritte entscheidend: Wenn es zum Beispiel eine Idee äußert – beim gemeinsamen Singen oder in einem Musikspiel –, ist es möglicherweise nicht in der Lage, sie den anderen selbst zu erklären oder etwas vorzumachen. Das übernimmt dann ein Pädagoge oder ein anderes Kind. Auch das Klassenziel ist hier ein anderes: Es gehe, so Christiane Joost-Plate, vor allem um individuelle Teilhabe, die diesem Kind einen angemessenen Platz in der Gemeinschaft ermögliche.

Eine pädagogische Herausforderung

In einer inklusiven Musikklasse müssen Lehrkräfte also mit wesentlich mehr Vielfalt zurechtkommen und mehr unterschiedliche Fähigkeiten erkennen, die gefördert werden wollen. Das lässt sich natürlich nur mit kleinen Klassenstärken umsetzen.
Vor allem aber brauchen Lehrerinnen und Lehrer spezielle pädagogische Erfahrungen oder Unterstützung und Fortbildung, um die oft ungewohnte Situation gestalten zu können. Christiane Joost-Plate hat denn auch Verständnis, wenn Pädagogen diese Aufgabe nicht übernehmen können oder wollen. Diese Offenheit bringe mehr als ein misslungener inklusiver Unterricht.

Lied "Heut kommt der Hans zu mir" anhören

Abgesehen davon stellt sie gerade beim Musikunterricht den schulischen Leistungsgedanken in Frage. Kunst solle frei von Nützlichkeitskriterien bleiben: „Ich wünsche mir, dass Musikunterricht allen Kindern hilft, Musik als Schatz zu entdecken, der jenseits von allem Zweckdenken gelebt werden kann.“

 

Franz Riemer lehrt als Professor für Musikpädagogik an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, wo er auch das Institut für musikpädagogische Forschung leitet. Seit 2011 ist er Präsident des Landesmusikrates Niedersachsen.

Christiane Joost-Plate unterrichtet Musik und ist Fachsprecherin für die musikpädagogische Arbeit mit Menschen mit Behinderung an der Musikschule der Landeshauptstadt Hannover. Als Niedersächsische Fachsprecherin für „Musik mit Menschen mit Behinderung“ des Verbandes deutscher Musikschulen (VdM) baut sie seit 2010 gemeinsam mit Schulen, Musikschulen und Musikern den Bereich inklusiver Musikförderung in Niedersachsen aus.

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von LIEDERPROJEKT.ORG, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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