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Nicht nur eine persönliche Bereicherung: Musikalische Weiterbildung in der Kita

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 2,5 Jahre

Ob „Anne Kaffeekanne“ oder „Machet auf das Tor“, Morgenkreis oder Trommelgruppe: Kinder lassen sich von Musik und Spielliedern begeistern, zuhause oder in Kindertagesstätte und Kindergarten. Aber in den Ausbildungsplänen der Erzieherinnen und Erzieher kommen Stimmbildung, Liedrepertoire oder Instrumentalspiel oft nicht oder nur unzureichend vor.

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Viele pädagogische Fachkräfte fühlen sich deshalb überfordert von dem Anspruch, Kitakinder musikalisch zu fördern. Ähnlich wie ihnen geht es den Kolleginnen und Kollegen aus Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie: Sie würden gerne Musik in ihre Arbeit mit Kindern einbeziehen, aber den meisten fehlen neben musikalischen Erfahrungen auch methodische Kenntnisse. „Das Fach Musik ist kompliziert, wenn man nicht vorgebildet ist“, fasst Barbara Stiller zusammen, die das Institut für musikalische Bildung in der Kindheit an der Hochschule für Künste in Bremen leitet.

Lied "Heut kommt der Hans zu mir" anhören

Seit 2010 bietet die Hochschule deshalb die berufsbegleitende Weiterbildung „Elementare musikalische Ausbildung in der Kita“ an. Hier können sich alle, die ebenfalls mit Kindern arbeiten, musikpädagogisch qualifizieren. Denn für Musik brauche es wie in anderen Lernbereichen auch spezielle Kenntnisse, so Barbara Stiller: „In der Sprachförderung zum Beispiel fragt man auch nicht, warum Erzieherinnen dafür besonders qualifiziert sein müssen.“ Musikalische Bildung könne nicht nur die stimmliche, sprachliche und motorische Entwicklung von Kindern anregen, sondern auch deren technisches Wissen fördern, etwa beim Thema Instrumentenbau – freilich nur, wenn die Erzieherinnen auch das entsprechende Fachwissen mitbrächten.

Alte Leidenschaft neu entdeckt

Demensprechend breit ist das Angebot in den Kompaktveranstaltungen der Hochschule für Künste Bremen: Natürlich geht es auch um Singen und Stimmbildung. Hinzu kommen aber unter anderem Instrumentalspiel und Fachdidaktik . Hier geht es um Fragen der Liedauswahl, der Anleitung bei Musikspielen und Instrumentalgruppen  oder um die Einbeziehung von Kindern verschiedener Altersstufen.

Lied "Häschen in der Grube" anhören

Barbara Stiller begrüßt es, wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von sich aus musikalisch aktiv werden, in einem Chor singen oder privat ein Instrument erlernen. Aber sie beruhigt auch diejenigen, die fürchten, für eine solche musikalische Weiterbildung fachlich nicht sattelfest genug zu sein. „Wir erwarten natürlich, dass die Teilnehmer bereit sind, bestimmte Defizite nachzuholen. Aber es geht uns vor allem darum, dass sie einen persönlichen Bezug zu Musik haben, und sei es als Radiohörer oder Konzertgänger.“

Wer sich zu dieser Weiterbildung anmelde, bringe ohnehin schon großes Interesse an Musik mit. „Es sind oft Leute, die in ihrer Kindheit selbst musiziert und das später im Berufsalltag vernachlässigt haben. In der Musikhochschule, wo sie bei jedem Besuch Musiker und Musikpädagogen treffen und wo es jeden Tag Konzerte gibt, können sie diese Leidenschaft noch einmal neu ausleben“.

Musik gehört in die erzieherische Ausbildung

Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind positiv überrascht von den neuen Impulsen, die ihnen die Weiterbildung in Bremen gibt. Der selbstverständliche Umgang mit Musik – sei es das Singen oder das Instrumentalspiel – erfordert zwar Eigeninitiative und eine regelmäßige Praxis. Aber gemeinsames Singen und Musizieren bringt neben größerer persönlicher Sicherheit im Umgang mit der Stimme auch mehr Struktur in den Kita-Alltag. Viele Einrichtungen, berichtet Barbara Stiller, hätten nach der Weiterbildung der Erzieherinnen Instrumente angeschafft.

Sie weiß es zu schätzen, wenn Berufstätige Zeit und Geld investieren, um sich musikalisch weiterzubilden und sich für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Barbara Stillers großer Wunsch ist aber, dass die Musikpädagogik (wieder) fester Bestandteil der Erzieherausbildung wird: „Eine Weiterbildung ist notwendig, aber sie dient eher als Hilfsmaßnahme und ersetzt zwangsläufig keine Ausbildung.“

Lied "Ein Vogel wollte Hochzeit machen" anhören

So sollten Eltern bei der Auswahl der Kita für Ihr Kind einmal darauf achten, dass es  Musikangebot gibt. Gehören Begrüßungs-, Abschieds- und Spiellieder in kindgerechter Lage ganz selbstverständlich zum Tagesablauf? Wird auf Instrumenten wie Trommeln, Triangeln oder Klanghölzern gespielt? Für Kinder ist es wichtig, wenn sie zusammen mit anderen Musik machen können und neue Anregungen erfahren – und diese zuhause dann gemeinsam vertiefen!
 

Barbara Stiller ist Studiendekanin des Fachbereichs Musik an der Hochschule für Künste (HfK) Bremen, wo sie das Institut für musikalische Bildung in der Kindheit leitet. Der Artikel entstand auf der Grundlage eines Interviews mit ihr.

 

Literaturhinweise:
Barbara Stiller: Erlebnisraum Konzert. Prozesse der Musikvermittlung in Konzerten für Kinder (Dissertation), Con Brio Verlag, Regensburg 2008
Ernst Klaus Schneider, Barbara Stiller, Constanze Wimmer (Hrsg.): Hörräume öffnen – Spielräume gestalten (Hrsg.), Con Brio Verlag, Regensburg 2011

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von LIEDERPROJEKT.ORG, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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