Kind und Umwelt

Musik – Nahrung
für Körper und Seele

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 6 Monate

Elementare Musikpädagogik beginnt mittlerweile schon im Säuglingsalter. Welche Erkenntnisse stecken dahinter, wenn Eltern – meistens Mütter, aber auch Väter – in Eltern-Kind-Gruppen schon mit den Kleinsten singen und spielen?

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Jedes Kind bringt eine musikalische Grundveranlagung mit, antwortet darauf die Pädagogin und Dozentin für elementare Musikpädagogik Christa Schäfer. Das musikalische Empfinden ist nicht nur eine Sache der Vererbung, sondern auch der akustischen Erfahrung: Schon während der Schwangerschaft nahm das Kind den Herzschlag und die Sprache der Mutter wahr. Es konnte hören, wenn sie sang und wurde mitbewegt, wenn sie zu Musik tanzte. So entstanden bereits bestimmte Strukturen im Hörsystem.

Nach der Geburt ist für Babys Singen und Sprechen erst einmal identisch. Erst nach und nach erfassen sie den Sinn von einzelnen Wörtern, zum Beispiel wenn sie „Essen“ bekommen oder „Mama“ sie ins „Bad“ setzt. Sie haben ein feines Gespür für den Klang und den Ausdruck der Sprechstimme – klingen Mama oder Papa fröhlich oder traurig? Musikalische Elemente wie Melodie und Rhythmus sind  wichtige Ausdrucksmittel der Sprache!

"Alle meine Entchen" anhören

Auch wenn sie schon die ersten Wörter verstehen und nachahmen, nehmen Babys Sprache noch sehr musikalisch wahr, bis ins Kleinkindalter. Deswegen gehen Eltern mit der Ammensprache, dem baby talk, auf das Hörempfinden ihres Kindes ein: Sie sprechen langsamer und mit mehr Unterschieden in der Stimmhöhe.


Musik als Dialog 

Eltern-Kind-Kurse, zum Beispiel in Musikschulen oder bei freien Musikpädagogen, rechnen mit der Entdeckungsfreude der Säuglinge und setzen auf musikalische Erfahrung mit dem ganzen Körper: Eltern singen für das Baby Schaukel-, Schlaf- und Tanzlieder unter Anleitung einer Lehrkraft, hören mit ihm Musik und bewegen sich dazu. Besonders beliebt sind dabei Kniereiter.

Denn auch in diesem relativ frühen Alter sind Babys keineswegs passiv. Wichtig ist nur, alles mit ihnen gemeinsam zu machen. Die Kinder hören aufmerksam zu und nehmen auf, wenn die Eltern mit ihnen musizieren und tanzen – selbst wenn sie erst noch keine deutliche Reaktion zeigen. Sie nehmen aber alles wahr. Das zeigt sich oft, wenn sie das Aufgenommene in späteren Situationen wiedergeben. Wenn die Eltern ihr Kind beim Singen und Spielen anschauen, wird es Mimik und Gestik nachahmen. Dieses Vor- und Nachmachen bringt ihm Spaß, es beginnt lallend und brabbelnd in Dialog mit Mama oder Papa zu treten: So werden Lieder, Sprechverse und Bewegungsspiele zu seelischer und körperlicher Nahrung für Babys.

Lied "Häschen in der Grube" anhören

Nach einem halben Jahr etwa nehmen Babys mehr und mehr andere Erwachsene und Kinder in der Gruppe wahr und beobachten sie. Aber am sichersten fühlen sie sich immer noch bei ihren Eltern. Es dauert noch eine Weile, bis sie den direkten Kontakt zu anderen Kindern suchen.

Auf was kommt es in diesem Alter an?

- bei der Motorik
Körperkontakt ist für Babys besonders wichtig: Die Eltern haben ihr Kind bei Kniereitern und Wiegenliedern auf dem Schoß und bewegen oder schaukeln es rhythmisch. Besonders gerne mögen es die Kinder auch, wenn es im Lied oder Tanz einen plötzlichen Stopp oder eine Bewegung in eine andere Richtung gibt, etwa wenn bei "Hoppe, hoppe Reiter" („fällt er in den Sumpf, macht er einen Plumps“) das Kind zum Schluss im Arm von Vater oder Mutter nach unten „fällt“. Anhören

- bei der Stimme
Babys hören zunächst sehr aufmerksam zu, bevor sie allmählich Töne nachsingen oder auch Bewegungen mit ihrer Stimme begleiten. Wenn etwa ein Tuch in die Höhe geworfen wird und sich wieder senkt, kann die Reaktion ein Quietscher sein oder ein Schleifer mit der Stimme von oben nach unten. So entdecken die Babys die Freude an der eigenen Stimme. Sie ahmen auch gerne Tierstimmen oder Geräusche nach.

- bei der Begleitung durch Instrumente
Instrumente wie ein Klangholz, eine Trommel oder eine Rassel kann das Baby auf unterschiedlichste Weise entdecken: durch Betasten, Schütteln, Klopfen, Drehen oder Reiben. Wenn es genug Zeit bekommt, seinem Forscherdrang nachzugehen, kann das Kind viele Klangmöglichkeiten entdecken.

Warum also sollten alle Kinder eine frühe musikalische Ausbildung erfahren? Weil musikalische Fähigkeiten – wie Singen, Tanzen, Klänge erzeugen, Musik improvisieren, den Körper musikalisch üben – Möglichkeiten der menschlichen Individualität darstellen. Wenn Musik, Sprache und körperliches Handeln in engem Zusammenhang stehen, bilden sie eine Einheit. Damit sind Musik und Bewegung von Natur gegebene Werkzeuge, die es uns ermöglichen, das Leben besser zu meistern.

 

Christa Schäfer lehrte als Dozentin für elementare Musikpädagogik am Peter Cornelius Konservatorium und an der Hochschule für Musik in Mainz. Sie ist Autorin des im Verlag Schott erschienenen Unterrichtswerks für elementare Musikpädagogik „Klangstraße“, unterrichtet als Gastdozentin an Bundes- und Landesakademien und gibt Fortbildungskurse für Kindertagesstätten, Grund- und Musikschulen.

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von Liederprojekt.org, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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