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Musik – von Anfang an

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 3./4. Schwangerschaftsmonat

Singen kann cool sein – davon ist Hans Bäßler, Leiter und Mitinitiator des Projekts „Ganz Ohr! Musik für Kinder“, überzeugt. Ein besonderes Anliegen ist ihm die Musik im Alltag, vor allem die selbst produzierte.

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Herr Professor Bäßler, Sie engagieren sich ja schon seit Langem dafür, dass das aktive Musikmachen – und insbesondere das Singen – in Familien und Schulen wieder selbstverständlicher wird. Sieht es damit so schlecht aus in Deutschland?

Gerade das Singen und das Interesse daran haben stark nachgelassen. Nur noch wenige von unseren Kindern und ihren Eltern singen selbst, und die Chöre, besonders die Kinderchöre, bekommen Nachwuchsprobleme. Aber in der Familie fängt es an: Die Tradition, abends zum Schlafengehen dem Kind ein Lied vorzusingen, existiert kaum noch. Wir singen auch keine Lieder zu den unterschiedlichen Jahreszeiten oder auf Reisen im Auto mehr. Und mit dem Singen ist auch das Musikmachen zurückgegangen, selbst wenn die Musikschulen von sich sagen, dass wegen der großen Nachfrage Tausende von Kindern auf Musikunterricht warten müssen. Aber es sind ja nicht nur die Musikschulen, die das Musikmachen fördern, sondern auch die Musikvereine, zum Beispiel bei den Feuerwehren, und auch das hat sehr stark nachgelassen.

Lied "Bruder Jakob" anhören

Deutschland ist doch berühmt für seine vielen Opernhäuser, Orchester, Musikhochschulen und Musikschulen. Wie kommt es dann, dass Musikmachen nicht mehr so verbreitet ist wie früher?

Musikpädagogen können bestätigen, dass gerade in den 1970er Jahren das Singen, das ganz normale Singen im Alltag, verpönt war. Das hängt mit den Erfahrungen zusammen, die man im Dritten Reich gemacht hat. Singen wurde gleichgesetzt mit Faschismus. Das ist natürlich Blödsinn, aber diese eigentlich blödsinnige Ansicht hat sich durchgesetzt, und in den Schulen wurde nicht mehr oder nur noch sehr wenig gesungen. Die Kinder von damals, die heute Eltern sind, haben das Singen in der Schule nicht mehr gelernt. Und außerdem haben sie sich von ihren eigenen Eltern, der heutigen Großelterngeneration, und deren Kulturbegriff emanzipiert. Die Großeltern haben in der Schule ganz sicher noch gesungen.

Aber wenn Sie heute in ein internationales Jugendlager gehen, treffen Sie Skandinavier oder auch Letten, Esten oder Litauer, die eine große Gesangstradition haben. Und wenn Sie dann die deutschen Jugendlichen nach ihren Liedern fragen, können die vielleicht gerade noch die erste Strophe von „Der Mond ist aufgegangen“, und auch da hapert es schon. Wir haben in Deutschland eine sehr gut ausgebaute und etablierte Hochkulturszene, auch wenn sie momentan reduziert wird. Aber diese Hochkultur und die eigene Sing- und Musikkultur für den täglichen Gebrauch klaffen weit auseinander.

Aber wir können heute doch ständig Musik hören, zu jeder Tages- und Nachtzeit: aus dem Radio, dem Internet oder dem mp3-Player. Was soll es da noch bringen, selbst Musik zu machen?

Das ist schon ein wesentlicher Unterschied, ob ich eine Hintergrundmusik höre oder ob ich selbst Musik mache. Es ist etwas Besonderes, aktiv sein zu können und mit anderen zusammen etwas zu erleben. Gerade da lässt sich keine andere Kunst mit der Musik vergleichen. Ich merke, dass ich in der Lage bin, mich emotional zu äußern. Und das heißt ja nicht, dass ich besonders laut singe, sondern mit dem Inhalt – zum Beispiel bei einem Lied –  innerlich übereinstimme. Und diese Erfahrung mache ich nicht, wenn ich im Autoradio nebenbei noch Musik höre.

Selbst musizieren – das besondere Erlebnis

Bei „Ganz Ohr! Musik für Kinder“ geht es ja auch nicht um passiven Musikkonsum. Ziel des Projekts ist, Erwachsene für das Singen und Musikmachen mit Kindern zu begeistern. Warum richtet sich das Projekt gerade an Eltern oder Erzieherinnen und Erzieher? Warum überlässt man das nicht den Fachleuten, also den Musikschulen oder den Schullehrern?

Es geht uns ja um das ganz alltägliche Musikmachen und Singen, das gepflegt werden soll. Die Musiklehrerinnen und -lehrer geben bloß zusätzliche Anregungen. Natürlich können sie den Kindern Morgenlieder, Abendlieder usw. beibringen. Aber gesungen werden müssen die Lieder beim Aufstehen, beim Schlafengehen, daheim oder auch im Kindergarten. Sie gehören als Ritual zum Tagesablauf. Ein Ritual soll ja immer zu einer inneren Stabilität führen. Das geht natürlich nur, wenn es nicht einfach automatisch abläuft, sondern auch erlebt wird. Aber wenn die Lieder Teil einer gemeinsamen Ordnung werden, beispielsweise in einer Familie, sind sie sehr hilfreich. Und deshalb sprechen wir die Eltern an, weil sie die allererste Instanz für die frühkindlichen Erfahrungen sind. Wir brauchen zwar eine Hochkultur, aber sie ist nur ein kleiner Teil eines gesamten großen Musikmachens.

 

Aber was ist eigentlich das Besondere an Musik? Was schafft sie, was man nicht durch Sprechen oder Spielen erreichen könnte?

Es tut den Kindern sichtlich gut, gemeinsam – das ist wichtig – mit den Eltern oder mit den Geschwistern etwas zu machen, was nicht auf der sprachlichen und intellektuellen Ebene stattfindet. Singen und Tanzen liefern die Möglichkeit, sich zu verändern, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Späße, die in einem Lied beschrieben werden, könnten Kinder mit ihren Eltern nicht auf der Vernunft- oder Sprachebene machen. Aber den „Cowboy Jim aus Texas“, der so viele witzige Dinge erlebt, empfindet ein Kind beim Singen ganz anders, als wenn man die witzigen Erlebnisse nur erzählen würde. Die Melodie und damit auch der Inhalt wirken viel intensiver, und das ist ein ganz eigenes Erlebnis. Darum brauchen wir auch keine Rechtfertigung, ob man durch Musikmachen nun intelligenter wird oder nicht.
Lied "Der Cowboy Jim aus Texas" anhören

Auch wenn Musik den Kindern gut tut: „Ganz Ohr! Musik für Kinder“ richtet sich ja gerade nicht an Kinder, sondern an Erwachsene, die den Kindern Musik vermitteln sollen. Was bringt den Erwachsenen das Singen, Tanzen und Musikmachen?

Ganz wichtig ist natürlich erst einmal, dass sie etwas gemeinsam mit den Kindern machen. Das ist etwas Besonderes, so wie im Spiel, wo Eltern mit den Kindern beispielsweise toben und sich anders verhalten, als sie das sonst als Erzieher tun. Außerdem ist Musikmachen eine große, geradezu ganzheitliche Erfahrung. Die zweite Besonderheit ist: mit der Zeit beobachten die Eltern, dass ihre Kinder, die am Anfang die Lieder zum Beispiel gar nicht in ihren Tonhöhen singen konnten, sich musikalisch immer weiter verfeinern. Man darf nur nicht zu viel auf einmal erwarten, dann entwickelt sich das von selbst. Wenn es zum Beispiel einem Kind im Alter von fünf, sechs Jahren gelingt, mehrstimmig in der Familie zu singen, dann ist das ein Glücksmoment, das durch nichts zu ersetzen ist. Eltern erfahren, was sie selbst ihren Kindern weitergeben, und Pädagogik ist eigentlich nur ein „Ich gebe etwas weiter von dem, was ich habe“. 

Es ist nie zu früh für Musik

Bei dem Projekt geht es auch um das Musikmachen bereits während der Schwangerschaft. Kinder können zwar schon ab etwa der Hälfte der Schwangerschaft hören und später sogar rhythmische Muster wiedererkennen, die sie im Mutterleib gehört haben, aber das eigentliche Hören und Lernen fängt trotzdem erst nach der Geburt an. Weshalb ist Musikmachen schon während der Schwangerschaft sinnvoll?

Zunächst einmal soll man nicht glauben, dass das Musikmachen oder Singen der Mutter während der Schwangerschaft automatisch musikalische Kinder hervorbringen würde.Es ist viel einfacher und naiver: Singen drückt Emotionen aus, und zwar normalerweise positive Emotionen. Und selbst dort, wo eine Mutter ein trauriges Lied singt, hat sie schon wieder ein Stück weit Kraft gefunden, diese Trauer durch das Singen zu bewältigen oder mit dieser Trauer zu leben. Und diese positive Einstellung wirkt sich auch auf den Fetus aus. Der zweite Aspekt ist der: die Mutter befindet sich aufgrund der Schwangerschaft in einer neuen Situation. Und das Singen hilft ihr, sich dabei wohlzufühlen, und auch dieses Wohlgefühl geht dann auf das Kind über. Diese ganz enge Verbindung zwischen Mutter und Kind führt dazu, dass sich das Kind nach Geburt wieder an das Wohlgefühl erinnert, wenn es diese Lieder der Mutter wieder hört.

Lied "Schlaf, Kindlein, schlaf" anhören

Was wünschen Sie also Eltern oder werdenden Eltern und ihren Kindern in puncto Musik?

Mein größter Wunsch ist, dass Eltern sich die Zeit nehmen, selbst zu singen oder sich Lieder anzuhören. Es gibt ja eine ganze Reihe von sehr guten CDs, zum Beispiel mit Wiegenliedern. Die sollten meiner Meinung nach sehr früh gelernt werden, nicht erst nach der Geburt, sondern schon vorher. Ich würde den Kindern außerdem wünschen, dass die Eltern eine tägliche Praxis aus dem Singen und später auch aus dem Musizieren machen.

Und den Eltern wünsche ich ganz dringlich, nicht in irgendeiner Weise in einen falschen Ehrgeiz zu verfallen, „Mein Kind muss aber unbedingt das und das Instrument erlernen, muss in den Chor gehen“. So etwas entwickelt sich eigentlich von selbst, wenn Singen und sonstiges Musikmachen selbstverständlich ist. Wenn man Kinder drängt, dann reagieren sie entweder abwehrend oder sie fügen sich widerwillig und machen das, was die Eltern sagen. Aber weder das eine noch das andere führt zum Musikmachen. Eltern können stattdessen beobachten, ob und wie sich bei Kindern etwas zur Musik, zu Instrumenten hin entwickelt. Dann können sie Angebote machen und den Musikunterricht oder Chorbesuch ermöglichen.

 

Hans Bäßler leitet das Institut für musikpädagogische Forschung an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, wo er auch Sprecher des Studiengangs Schulmusik ist. In diesen und vielen weiteren Funktionen setzt sich Hans Bäßler insbesondere für eine praxisorientierte Ausbildung von Musiklehrern an allgemeinbildenden Schulen ein.

 

 

 

 

 

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von Liederprojekt.org, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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