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Lieder und Verse
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Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 6 Monate

Begabt oder unbegabt? Ach was, jedes Kind kann singen lernen, davon ist die Stimmpädagogin Friedhilde Trüün überzeugt. Und man kann schon ganz früh mit dem Vorsingen anfangen. Denn Stimme und Gesang vermitteln dem Baby eine besondere Geborgenheit. Diese Erfahrung bleibt ihm lebenslang.

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Frau Trüün, Sie empfehlen, schon mit Babys zu singen und Musikspiele zu machen. Aus welchem Grund?
Die Stimme und die Sprache, erst einmal der Eltern – der Mutter, des Vaters –, das ist ja das erste, was das Kind erlebt. Es hört die Stimme, die Sprachmelodie, den Rhythmus. Und darüber nimmt das Kind dann auch Sprachregeln auf.

Lied "Hoppe, hoppe Reiter" anhören

Sie schlagen aber nicht nur Verse vor, sondern auch Wickellieder oder Kniereiterlieder wie „Hoppe, hoppe Reiter“. Warum Musik und warum Singen?
Das Singen ist langsamer als die Sprache. Und es ist in einer anderen Tonlage. Man würde ja zu einem Baby beim Wickeln nie mit strenger tiefer Stimme sagen „Das ist aber schön, dass Du hier liegst“. Sondern man spricht immer etwas höher und in einer Art Singsang. Das ist immer freundlich, und das Kind fühlt diese emotionale Bindung. Die Mutter oder der Vater sagt mit diesem Singsang „Ich liebe dich“. Das kommt immer rüber.

Es ist eigentlich ganz einfach: Das Kind liegt morgens auf dem Wickeltisch, und man singt einen Strampelvers. Jetzt kennt man vielleicht erst mal keinen Strampelvers; das macht aber nichts. Wer Lust hat auf Singen, fängt dann einfach an, so wie das Kind auch: „Das ist aber schön, die Windel ist voll, ich mach Dir eine neue“– völlig egal, wie die Melodie ist. Und Kinder reagieren, indem sie entweder lachen, glucksen, plappern oder auch nicht. Aber sie nehmen es in jedem Fall wahr.

Woher stammen Strampelverse wie „Herr Pinz und Herr Panz“ oder Lieder wie "Plitsche Platsche nass" (auf die Melodie von "Ringel, Ringel Reihe")  für die Badewanne?
Es gibt zwei Kategorien: die alten Sprüche, die teilweise schon Klassiker sind. Und wir Erwachsene sagen oft „Ach, die Sprüche und Lieder sind ja so alt“. Aber für die Kinder sind sie ganz neu. Und weil sie schon so lange überliefert werden, sind sie gut. Sonst wären sie nicht mehr da. Und sie sind teilweise auch witzig. Bei „Guten Tag, Herr Nasenmann“ (Fingerspiel "Kommt ein Mann") kann ich mich noch dran erinnern, wie nett ich es als Kind fand, an der Nase gepiekt zu werden. Und dann gibt es Lieder von mir selbst, in denen ich mich an alten Kinderliedern orientiert habe.

Lied "Ringel, Ringel, Reihe" anhören

Und auf was können Eltern bei den Liedern achten?
Erstens: Dass sie einen einfachen Aufbau haben, so wie die alten Kinderlieder: Sie beginnen mit einem Teil, dann kommt ein neuer Teil, dann endet das Lied wieder mit dem ersten Teil. Zweitens: Bitte nicht zu tief singen. Die Kinder haben viel kürzere Stimmbänder, die können später als Kleinkind nicht so tief singen. Aber was heißt hoch? Wenn ein Polizeiauto mit Martinshorn vorbeifährt, kann man sich am unteren Ton oder in der Mitte zwischen beiden Tönen orientieren, das hilft. Drittens: Der Text soll richtig ausgesprochen werden.

Mir ist schon klar, dass das eine Überwindung bedeutet. Aber da kann ich nur raten: Versuchen Sie’s einfach mal, vor dem Spiegel oder auch vor dem Kind. Das Kind wird Sie nicht auslachen, sondern immer nur anlachen.
 

Wie reagieren denn Eltern, wenn es ums Singen geht?
Immer wieder kommen Eltern auf mich zu, die schlechte Erfahrungen als Kind in der Schule gemacht haben: „Du kannst nicht singen; tu so, als ob du singst“, sagte man ihnen vor der ganzen Klasse. Und diese Negativ-Erfahrung tragen diese Mütter und Väter bis in das Erwachsenenalter mit sich herum; leider auch dann noch, wenn das Kind da ist. Aber jeder Mensch kann singen, und ich versuche das den jungen Eltern auch zu vermitteln. Und da kommen ihnen oft die Tränen, weil sie sich daran erinnern, dass sie als Kleinkind eigentlich sehr gern gesungen haben.

 

Friedhilde Trüün ist Kinderstimmpädagogin, Dozentin und Mitherausgeberin des im Carus-Verlag erschienenen „Kinderlieder“-Bandes. Ihr Buch „Komm, sing mit mir“ mit Liedern, Versen und Tipps fürs Musikmachen mit Säuglingen, Klein- und Schulkindern ist 2012 bei Carus und Reclam erschienen.

 

 

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von Liederprojekt.org, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

 

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