Tipps

Geht ins Ohr: Hörschädigendes Spielzeug

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 6 Monate

Es ist doch merkwürdig: Die Hochzeitsparty ist in vollem Gange, auf der Tanzfläche tobt es, und gleich nebenan, nur durch eine dünne Tür von den Tanzenden getrennt, schläft der zehn Wochen alte Georg in seinem mitgebrachten Kinderbett und lässt sich vom Krach nicht stören.

Send mail

Hört er wirklich nichts? Überraschenderweise wird ein Baby im Vergleich mit einem Erwachsenen durch einen dauerhaften lauten Umgebungslärm nicht am Einschlafen gehindert. Wir Erwachsenen dagegen reagieren mit unserem Verhalten auf die Reflexe anderer: Wenn unser Gegenüber lacht, erzählen wir unsere lustige Geschichte weiter; erschrickt jemand, hören wir sofort auf. Bei kleinen Babys kann man sich auf diese reflexhafte Rückmeldung nicht unbedingt verlassen. Denn oft reagieren sie verzögert auf ein Geräusch, manchmal auch gar nicht.

Lied "Summ, summ, summ" anhören

Es kann passieren, dass die kleine Milena, sechseinhalb Monate, auf ein Hundegebell mit Augenbewegungen oder mit dem ganzen Körper reagiert. Und ihre Mutter denkt: Das hat sie jetzt gehört. Aber die Kleinsten hören weitaus mehr, als sie uns preisgeben: „In Wahrheit nimmt das Gehirn eines Säuglings schon leise Geräusche sehr sensibel wahr, mit dem Unterschied, dass im Vergleich mit lautem Gebell keine reflexartige Reaktion ausgelöst wird“, so Dr. Ken Roßlau, Experte für kindliche Hörstörungen an der Universität Münster. „Die Verbindung zwischen den Wahrnehmungs- und Ausführungszentren im Gehirn ist noch nicht vollständig ausgereift. Und aufgrund der noch eingeschränkten feinmotorischen Entwicklung können eben nur die lauten Schallereignisse die in diesem Alter typischen Reflexe auslösen.“

Allzu oft missverstehen wir die mangelnde Reaktion der Babys auf Geräusche und halten ihnen lärmendes Spielzeug noch näher an die kleinen Ohren – und riskieren dabei frühzeitige Hörschäden.

Hörschäden bleiben oft unbemerkt

Benjamin, sieben Monate alt, hat es nicht leicht mit seinen großen Brüdern. Vor allem der drei Jahre ältere Julian brüllt ihm hin und wieder ins Ohr oder pustet heimlich mit der Trillerpfeife vom letzten Kindergeburtstag hinein. Dann weint das Baby, und Julian ist zufrieden: Endlich bekommt er wieder Aufmerksamkeit von allen.

Mit der Trillerpfeife erzeugt Julian beim kleinen Bruder ein Geräusch von etwa 130 Dezibel. Das entspricht in etwa dem Startgeräusch eines Flugzeugs. Eine Spielzeugpistole bringt es übrigens sogar noch im Abstand von 25 cm auf 150 Dezibel. Die Schmerzgrenze für ein erwachsenes Ohr liegt bei etwa 120 Dezibel. Wohlgemerkt für ein erwachsenes Ohr!

Lied "Drei Chinesen mit dem Kontrabass" anhören

Also: sorgen Sie für Ruhe – nicht nur, aber vor allem! – in den ersten Lebensmonaten. Hörschädigungen verlaufen langsam, oft unbemerkt, und die Auswirkungen fallen uns mitunter erst auf, wenn es zu spät ist. Nur wer gut hört, kann auch gut sprechen lernen. Je eher man eine Hörstörung bei einem Kleinkind entdeckt, umso größer ist die Chance, sie noch zu korrigieren.

Keine Lärmgrenze für Spielzeug

Die Eltern von Bruno, fünf Monate, sind pragmatisch: Er ist kein großer Autofahrer, schnell wird ihm langweilig, dann schreit er. Doch nun müssen sie sechs Stunden im Auto sitzen – eine Familienfeier steht an. Was tun? Brunos Eltern gehen in den nächsten Spielzeugladen und kaufen ihm ein sehr buntes, sehr geräuschreiches Spiel, das „Lernspaß“ verspricht. Überall kann gekurbelt, gedrückt, gezogen werden, überall bimmelt, quietscht, brummt es. Bruno wird einen Heidenspaß haben, hoffen die Eltern. Dass allen die Ohren klingeln werden, daran denken sie erst mal nicht.

Lied "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad" anhören

Ruhigstellen durch Lärm kann helfen, muss aber nicht. Stattdessen kann es schaden. So genanntes ohrnahes Spielzeug lädt dazu ein, dicht an das Ohr gehalten zu werden. Dieses Spielzeug darf die Dauerbelastung 80 Dezibel nicht überschreiten. Der gleiche Anbieter, der auch für Brunos Eltern die Autofahrt retten soll, hat ein Kuschelhündchen auf den Markt gebracht, das lieb lächelt, aber so laut werden kann wie ein vorbeifahrender Laster. Jedenfalls dann, wenn das Kind es nicht von sich entfernt hält, sondern an sich drückt.

Leider gibt es noch keine wirklich einheitlichen Lärm-Obergrenzen für Spielzeug. Es schadet nicht, wenn Sie sich auf Ihr Wissen verlassen: Was Ihnen zu laut erscheint, ist für Kleinkinder ebenfalls zu laut. Prüfen Sie Spielzeug vor dem Kauf und bedenken Sie, dass das, was Sie jetzt im Laden nur kurz anspielen, unter Umständen bei Kindern ohne Unterbrechung lärmt. Auch eine lange Spieldauer kann das Gehör belasten.

Sorgen Sie für Ruhephasen, wenn es mal eine Weile lang laut war. Dann kann sich das kindliche Gehör (und Ihres auch!) erholen. Und schließlich: Prüfen Sie sich selbst: Dudelt bei Ihnen auch ständig das Radio im Hintergrund? Lassen Sie das Handy auf voller Lautstärke? Wenn Sie bei sich selbst für Ruhe sorgen, wird Ihr Kind es Ihnen sicher einmal nachmachen.

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von Liederprojekt.org, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 6 Monate