Entwicklung

Musik: einflussreich auf Motorik und Gedächtnis

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 2 Jahre

Musik wirkt schon im Mutterleib und trägt nach der Geburt dazu bei, dass die Sinne reifen und die Motorik sich entwickelt. Dabei sollten sich Eltern immer vor Augen führen: schon das Hören eines Kinderliedes ist musikalisches Lernen. So können die Mustererkennung und die Gedächtnisbildung gefördert werden.

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Wie geht das? Ein Kinderlied wie „Hänschen klein“ gliedert sich üblicherweise in kurze Liedabschnitte, die wiederholt werden („Hänschen klein“/„ging allein“).

Lied "Hänschen klein" anhören

Dadurch werden Gedächtnisspuren angelegt und durch mehrfaches Hören und Singen nach und nach gefestigt. Das Kleinkind erwirbt so ein Grundrepertoire an Hörmustern, die im Gedächtnis abgelegt werden. Lied für Lied wird diese kleine „Musikbibliothek“ vergrößert. Sie hilft dem Kleinkind, immer mehr unterschiedliche Melodien und Rhythmen zu erkennen.

Singen und Musizieren können aber noch mehr bewirken: Sie bereiten auch spielerisch auf den Spracherwerb vor, denn auch die Sprache besteht ja zu einem wichtigen Teil  aus Rhythmen und Melodien. Lallen und Mitjauchzen trainieren die Zunge, Lippen und Stimmlippen, die dadurch für die präzise Aussprache der komplizierten Konsonanten und Vokale gut vorbereitet werden. Für manche Evolutionsforscher gilt deshalb: die Rolle der Musik in der menschlichen Entwicklungsgeschichte besteht darin, dass in einem sicheren Rahmen – auf dem Schoß der Mutter oder des Vaters – Gehör und Gedächtnis geübt werden, die dann später den Spracherwerb erleichtern. Umgekehrt hilft das Singen und Musizieren aber auch Kindern, die Schwierigkeiten mit dem Sprechen haben!

 

Musik: wichtig für das soziale Leben

Zum Musizieren und Singen gehört allerdings noch viel mehr als nur das Hören. Musik wird mit dem Körper gemacht. Schon Kleinkinder unter einem Jahr bewegen sich rhythmisch zur Musik und haben daran große Freude! Gerade die einfachen und einprägsamen Rhythmen der Kinderlieder sind hier besonders beliebt.

Lied "Auf der Mauer, auf der Lauer" anhören

Dabei wird eine der ganz ursprünglichen Funktionen von Musik deutlich: Musik synchronisiert Bewegungen und kann auf diese Weise zur Vertiefung von sozialen Kontakten führen. Am Anfang kann es das Hopsen auf dem Schoss der Mutter sein, aber schon im dritten Lebensjahr, also ab dem zweiten Geburtstag, trägt gemeinsames Singen auch zu einer engeren Bindung der Kinder untereinander bei. Der Anthropologe Sebastian Kirschner (s. u.) zum Beispiel zeigte an Untersuchungen mit Krippenkindern, dass gemeinsames Singen zu einer stärkeren Hilfsbereitschaft und zu einer besseren Kooperation der Kinder führte als gemeinsame Sportübungen.

 

Musik als Beziehungserlebnis

Musik hat also auch eine wichtige soziale Aufgabe in der Entwicklungsgeschichte des Menschen. Sie hilft unser kompliziertes Sozialleben organisieren. Wie einzigartig wir Menschen dabei sind, zeigt sich auch darin, dass wir uns im Gegensatz zu anderen Lebewesen zu einem vorgegebenen Rhythmus synchronisieren und bei Tempowechseln anpassen können. Ausnahmen wie der zu Musik rhythmisch tanzende Kakadu „Snowball“ bestätigen die Regel. Hat unser Gehirn dafür spezielle Einrichtungen ausgebildet?

Das lässt sich bislang bei den Kleineren nur sehr schwer untersuchen, aber aus den Befunden an älteren Kindern kann man schließen, dass die Gedächtnisstrukturen für unsere sehr große und vielfältige „Musikbibliothek“ tatsächlich einzigartig sind. Musik ist nämlich auf vielen verschiedenen Ebenen im Gehirn gespeichert. Sie kann als Hörgestalt im Schläfenlappen abgespeichert werden oder als Bewegungsimpuls in den Bewegungszentren des Gehirns.
Musik erzeugt aber auch Emotionen, die in den Emotionszentren tief im Inneren des Gehirns verankert werden. Nur so kann es dazu kommen, dass Musikerfahrungen in der Kindheit – zum Beispiel „Hoppe-Hoppe-Reiter“ auf dem Schoss des Vaters – als Beziehungserlebnis im Gedächtnis abgespeichert werden.
Eckart Altenmüller
 

Eckart Altenmüller erforscht die Auswirkungen von Musik auf das Gehirn. An der Staatlichen Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover leitet er das Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin.

 

Weiterführende Literatur:

Ho Yim-Chi, Cheung Mei-Chun, Chan Agnes S.: Music Training Improves Verbal but Not Visual Memory: Cross-Sectional and Longitudinal Explorations in Children. Neuropsychology 17: 439-450 (2003).

Sebastian Kirschner and Michael Tomasello: Joint music making promotes prosocial behavior in 4-year-old children. Evolution and Human Behavior, 31, 354-364 (2010)

Thomas F. Münte, Eckart Altenmüller, Lutz Jäncke: The musician’s brain as a model of neuroplasticity. Nature Reviews Neuroscience, 3: 473-478 (2002)

Marcel Zentner and Tuomas Eerola: Rhythmic engagement with music in infancy. PNAS: 107, 5768-5773 (2010)

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von Liederprojekt.org, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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