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Wahrnehmung und Intelligenz

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 2 Monate

Wer sprichwörtlich seine fünf Sinne beieinander hat, ist bei Verstand und schätzt die Verhältnisse realistisch ein. Wer sie dagegen „nicht mehr alle“ hat, dem fehlt die Bodenhaftung. Hinter diesen Redewendungen steckt die Erkenntnis, dass wir uns erst durch unsere Sinneswahrnehmungen ein Urteil über die Umwelt bilden – das gilt besonders für Säuglinge.

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Aber wir verfügen über viel mehr als nur die bekannten fünf Sinne Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen, erklärt der Erziehungswissenschaftler Christian Rittelmeyer: „Wir haben einen Gleichgewichtssinn. Wir unterscheiden warm und kalt mit dem Temperatursinn. Und wir haben auch Sinne, die uns über die Funktion unseres Körpers informieren, zum Beispiel ob wir angespannt oder entspannt sind – beim Musikhören ist das sehr wichtig.“

Lied "Meine Biber haben Fieber" anhören

Je kleiner das Kind, desto stärker sind alle diese sinnlichen Wahrnehmungen noch miteinander verknüpft. Tragen Sie beispielsweise Ihr Kind auf dem Arm und singen ihm etwas vor, sieht und hört es Sie nicht nur, es merkt gleichzeitig auch, ob es bequem oder nicht bequem an Ihrem Körper liegt. Solche Eindrücke beeinflussen unsere bewusste und unbewusste Wahrnehmung der Umwelt und damit auch unsere Reaktion.
 

Sinneswahrnehmungen unterstützen das Denken

Christian Rittelmeyer geht noch weiter: Für ihn ist eine Einschätzung von Personen und Dingen überhaupt erst durch das Zusammenwirken der Sinne möglich. Die Erkenntnisse der Hirnforschung hätten vorübergehend vergessen lassen, dass das Hirn ständig in Verbindung mit dem gesamten Körper arbeite.
„Wenn wir rein als Gehirnvorgang eine Farbe ansehen oder eine Musik hören könnten, würden wir sie völlig gleichgültig aufnehmen. Aussagen wie ‚Dieses Graublau ist eiskalt’ oder ‚Diese Stimme klingt warm’ wären gar nicht möglich. Erst dadurch, dass unser Leib seine Eindrücke an das Hirn weiterleitet, sind wir in der Lage zu urteilen.“

Ihr Kind auf Ihrem Arm zum Beispiel spürt unbewusst auch, wie Sie zu ihm stehen. Und obwohl es eben erst lernt, seine Kopf- und Körperhaltung zu kontrollieren, kann es Ihre Armhaltung schon durch Versteifen und Lockerlassen seines Körpers oder durch seinen Gesichtsausdruck steuern.

Lied "Häschen in der Grube" anhören
 

Unser Bild von der Welt

Säuglinge müssen erst einmal lernen, mit ihren ganzen Körperempfindungen umzugehen. Erst durch ständig wiederholtes Greifen, Schmecken, Fühlen, eigene Bewegung und Lautäußerungen bilden sie wichtige Sinnesfunktionen aus.

Nur so erfahren sie zum Beispiel, dass die Spieluhr aus Stoff nicht nur weich ist, sondern auch interessant klingt. Das warme Badewasser lässt sich zwar nicht festhalten, aber es fühlt sich angenehm an und plätschert, wenn das Kind strampelt. Die Mutter riecht anders als der Vater, ihre Stimme klingt heller. Es gibt unendlich viele Eindrücke, die ein Kind einordnen muss. So entsteht sein Bild von der Welt.

Lied "Heut kommt der Hans zu mir" anhören

Deswegen ist es so wichtig, dass Ihr Kind zahlreiche unterschiedliche Anregungen bekommt. Sprechen, singen, tanzen Sie mit ihm, tragen Sie es herum, geben Sie ihm verschiedene Arten Spielzeug, die sich unterschiedlich anfühlen.
Doch wie viel davon braucht es? Rittelmeyer rät, sich dabei auf die Kinder zu verlassen: „ Wir müssen nur beobachten, was sie machen. Kinder hören auch irgendwann auf, sich mit Dingen zu beschäftigen, sie ruhen sich aus und schlafen lange Zeit. Sie haben das richtige Gefühl, was für sie gut ist und was nicht.“

Lied "Ej padá, padá rosička" (Slowakei) anhören

 

Christian Rittelmeyer lehrte als Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Göttingen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Bildungsgeschichte und die Entwicklungspsychologie des Kindesalters.

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von Liederprojekt.org, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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