Kind und Umwelt

Vater werden ist nicht schwer?

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 9. Schwangerschaftsmonat

Früher waren für werdende Väter der Kreißsaal oder das Geburtszimmer tabu. Mittlerweile sind sie ganz selbstverständlich bei der Geburt ihrer Kinder dabei. Auch dass sie vor und nach der Geburt Partnerin und Familie unterstützen, wird von ihnen erwartet. Es kann recht anstrengend sein, Vater zu werden.

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Aber auch in der Zeit vor der Geburt sind die Väter gefragt, etwa wenn es darum geht, Verständnis für Begleiterscheinungen der Schwangerschaft wie Übelkeit und Müdigkeit zu zeigen oder ihrer Partnerin manche Belastung abzunehmen, z. B.  einen anstrengenden Einkauf.

Jörg Baltzer, ehemals Direktor der Krefelder Frauenklinik, empfiehlt werdenden Vätern, möglichst am Vorbereitungskurs für Schwangere teilzunehmen, um besser auf die Vorgänge und Abläufe bei der Geburt vorbereitet zu sein. Auch durch die technischen Fortschritte in der Gynäkologe und die pränatalen Untersuchungen fallen viele Unsicherheitsfaktoren weg. Baltzer fasst es so zusammen: „Wenn unsere Großmütter schwanger waren, sprachen sie davon, in der Hoffnung zu sein. Heute sprechen Eltern davon, ein Kind zu erwarten. Dass es gesund ist, wird dabei vorausgesetzt.“

Lied "Ich lieb den Frühling" anhören

So gesehen können die technischen und gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte nicht nur Müttern, sondern auch Vätern mehr Gewissheit und Erleichterung bringen. Schon allein durch Ultraschalluntersuchungen ist der Kontakt zum Kind viel früher möglich als ehedem.

Der Partner kann helfen

Jörg Baltzer kennt die Einstellung noch aus seiner Zeit als junger Arzt: „Wenn die Frau in den Kreißsaal kommt, hat der Mann zu warten“. Man befürchtete bis weit in die 1970er Jahre hinein vor allem, dass der Kindsvater Keime einschleusen und damit Mutter und Kind in Gefahr bringen könnte. Aber auch die Sorge, dass der Partner den Kontakt zwischen Hebamme und Mutter stören würde oder die Beziehung des Paares unter teilweise drastischen Geburtserlebnissen leiden könnte, führten dazu, dass Väter bei der Geburt draußen bleiben mussten.

Heute begrüßen es nicht nur Mütter, sondern auch Geburtshelfer und Hebammen, wenn der Vater dabei ist. Gerade bei einer Geburt im Krankenhaus kann er für die Gebärende eine große Hilfe sein und ihr im Klinikbetrieb Rückhalt geben: „Es gibt immer wieder die Situation, dass Ärzte sagen ‚Die Frau kann doch gar nicht solche Schmerzen haben’, aber Schmerz ist eine ganz persönliche Erfahrung, und das müssen wir akzeptieren. Und der Mann kann sich dann für sie einsetzen“, so Jörg Baltzer.

Lied "Abend wird es wieder" anhören

Er selbst ließ die Väter gern an der Geburt teilhaben und forderte sie gelegentlich auch dazu auf, die Nabelschnur selbst zu durchtrennen. Baltzer hat viele anrührende Momente erlebt, wenn Männer ihre Partnerinnen unterstützten oder das Neugeborene das erste Mal stolz und glücklich im Arm hielten. Allerdings ist die Anwesenheit des Vaters bei der Geburt kein Muss und sollte nicht eingefordert werden. Manche Männer wollen nicht mit in den Kreißsaal, weil sie das Geburtserlebnis als zu starke Belastung empfinden. Denn auch heute noch ist eine Entbindung eine Grenzsituation.

Auch Väter sollen singen

Freilich können Väter den Kontakt zu ihrem Kind schon früher aufnehmen, vor allem über die Stimme, selbst wenn die, anders als die Stimme der Mutter, nur gedämpft an die Ohren des Ungeborenen dringt. Der Sänger Christian Elsner etwa hat mit seinem ausgebildeten Tenor seine beiden Kinder schon vor der Geburt erreicht – allerdings nur, wenn seine Frau in eines seiner Konzerte kam. „Sie ist Flötistin im Sinfonieorchester, und so haben beide Kinder schon mehr als genug Musik im Mutterleib abbekommen. Da war zuhause eher Ruhe angesagt.“

Lied "Müde bin ich, geh zur Ruh" anhören

Elsner schaffte es, trotz seiner vielen Verpflichtungen bei beiden Geburten dabei zu sein. Seinen Kindern sang er anschließend viel vor, von Schubert-Liedern bis hin zu Popsongs, allerdings leise. Denn seine volle klassische Gesangsstimme, meint er heute, hätten sie auch später noch als sehr laut empfunden.

Beide Kinder ließen sich gern von Wiegenliedern beruhigen und von witzigen Songs unterhalten. Bei so viel Musik im Elternhaus ist es kein Wunder, dass Tochter und Sohn heute selbst musizieren und viel singen. Auch anderen Vätern, selbst vermeintlichen Nicht-Sängern, empfiehlt Christian Elsner, ihre Scheu zu überwinden und dem Kind etwas vorzusingen. „Bei Babys ist das ganz einfach: leise, luftig und entspannt, was einem einfällt oder einfach nur Lalala. Aber das Allerwichtigste ist, es einfach zu tun, selbst wenn man sich als Vater dabei komisch vorkommt oder glaubt, es nicht zu können. Für die Vater-Kind-Beziehung wird der vertraute Klang der Stimme des Vaters immer etwas ganz Besonderes bleiben!“

Lied "Mein Hut, der hat drei Ecken" anhören
 

Der Gynäkologe Professor Dr. Jörg Baltzer leitete von 1989 bis 2006 als Direktor die Frauenklinik am Klinikum Krefeld. Seit 2007 ist er Ehrenmitglied der WHO-/Unicef-Initiative „Babyfreundliches Krankenhaus“.
Der Tenor Christian Elsner, international gefragter Opern- und Konzertsänger, hat eine Professur an der Hochschule für Musik in Würzburg.

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von LIEDERPROJEKT.ORG, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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