Kind und Umwelt

Wie cool kann ein Streichinstrument sein?

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 6 Jahre

Geige, Bratsche oder Cello spielen, zusammen mit Freunden oder Geschwistern in einem Orchester – das macht Spaß und bereichert. Aber muss man nicht schon ziemlich weit sein, um mit den andern mithalten zu können? Nicht unbedingt, meinen die beiden Gründerinnen des Projekts „Coole Streicher“.

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Anfang der 1990 Jahre war es, da veranstalteten die Geigerinnen Angelika Bachmann und Iris Siegfried in Hamburg zusammen mit ihren Schülern ein Hauskonzert. Geplant war zum Abschluss des Programms ein Stück, bei dem alle mitspielen sollten. Aber Angelika Bachmann fand keine Noten, aus denen Anfänger und Fortgeschrittene gemeinsam hätten spielen können.

Also arrangierte sie zusammen mit  Iris Siegfried selbst Musik für sich und ihre Schüler – und damit war die Idee zu den „Coolen Streichern“ geboren. Mittlerweile touren die beiden Musikerinnen zusammen mit Kolleginnen im Quartett unter dem Namen „Salut Salon“ durch die Welt. Zum regelmäßigen Unterrichten kommen sie nicht mehr, dafür geben sie zu viele Konzerte. Aber ihre „Coolen Streicher“ gibt es immer noch: Bei jedem Projekt spielen zwischen 30 und 40 Spielerinnen und Spieler zwischen fünf und achtzehn Jahren, betreut von den vier Musikerinnen von „Salut Salon“. Die Warteliste für das jeweils nächste Projekt ist lang.

Lied "Eine kleine Geige möcht ich haben" anhören

Alle sollen mitmachen können

Angelika Bachmann und Iris Siegfried arrangieren für die „Coolen Streicher“ beispielsweise Werke von Bach, aber auch Tangos oder Hilbilly-Musik. Dabei bekommen die Kinder und Jugendlichen ihrem Können jeweils angepasste Stimmen. Die fünf- bis sechsjährigen Einsteiger können also auch mit sehr geringen Vorkenntnissen entweder schon Melodien spielen oder auch nur eine Saite zupfen, erklärt Iris Siegfried: „Das Schöne ist, dass sie zum Mitspielen auch mit geringen Vorkenntnisse bereits auf der Bühne stehen können.“ Manchmal bekommen die Jüngeren auch etwas längere Pausen, weil sie sich noch nicht so lange konzentrieren können. So können sie nach und nach in das Orchester hineinwachsen.

Lied "Ich bin ein Musikante" anhören

Bei den Proben arbeiten die Lehrerinnen zunächst nach Gruppen getrennt, anschließend treffen sich alle zum gemeinsamen Spielen. Die Arbeit in kleinen Gruppen ist notwendig, um jedem einzelnen Kind gerecht zu werden, erklärt Angelika Bachmann: „Da alle alles grundsätzlich auswendig spielen, muss man etwas Geduld entwickeln. Manche werden sie von Lehrern oder Eltern dabei unterstützt, manchmal unterstützen wir mehr.“

Dazu gibt es jeden Sommer ein Zeltwochenende, bei dem sich Proben, Grillen und Schwimmen abwechseln. Und außerdem bekommen alle Mitspieler Musikfiles der Stücke mit, damit sie bereits beim Üben hören, wie ihr eigenes Spiel zusammen mit den anderen im Orchester klingt.

Der große Moment ist dann gekommen, wenn die „Coolen Streicher“ schließlich auftreten, meistens für die Zugaben nach den Benefizkonzerten von „Salut Salon“ im Hamburger Thalia-Theater, aber auch bei anderen Anlässen. Für die neu Hinzugekommenen sei das Ganze schon überwältigend, meint Iris Siegfried: „Sie haben zuvor noch nie vor tausend Leuten im Scheinwerferlicht gespielt und dafür Applaus bekommen.“ Und die Nervosität? Dank intensiver Vorbereitung auf die Konzertsituation reagierten die meisten recht gelassen, erzählt auch Angelika Bachmann: „Wir haben so viel Spaß zusammen, dass das Thema Nervosität gar nicht zur Debatte steht. Manchmal bekommen die Kinder rote Wangen, wenn sie kleine Soli spielen, aber das ist eine positive Aufregung.“

Gemeinsam musizieren

Überhaupt fördern sie und ihre Kolleginnen die Solidarität unter den Mitgliedern des Orchesters. „Es muss alles möglich sein, zum Beispiel wenn man sich bei den Proben jemanden herauspickt und sagt 'Spiel doch mal vor, die Stelle klappt noch nicht so gut bei dir'. Da lacht keiner, sondern die anderen überlegen, ob sie mit dieser Stelle nicht auch schon Probleme hatten. Und das überträgt sich, die Älteren im Orchester erklären den Jüngeren gern etwas; dieser 'professionelle' Umgang miteinander zeichnet die 'Coolen Streicher' aus.“

In ihrem Engagement, Kinder und Jugendliche zum gemeinsamen Musizieren zu bringen, schauen die Damen von Salut Salon auch über den nationalen und professionellen Tellerrand: Zusammen mit der Kindernothilfe betreiben sie in Chile in einem Armenviertel oberhalb von Viña del Mar ein Musikprojekt, das sich im Aufbau an den „Coolen Streichern“ orientiert und bei dem Sozialarbeiter und Musiklehrer zusammenarbeiten. Zusätzlich haben sie in ihrer Heimatstadt Hamburg das großflächige Sing- und Instrumentalprojekt Young ClassX ins Leben gerufen, das Musik in Schulen bringt und auch Lehrer und Eltern mit einbezieht.

Lied "Drei Chinesen mit dem Kontrabass" anhören

In allen Projekten von „Salut Salon“ geht es um musikalische Vorbilder und gemeinsame Arbeit, und immer steht am Ende das Erfolgserlebnis beim Auftritt als Belohnung. Iris Siegfried ist überzeugt, dass beides entscheidend zur Musikalisierung von Kindern beiträgt: „Dieses musikalische Wir-Gefühl und der Gesamtklang steigern die Motivation, weiter zu üben und vielleicht eine schwierigere Stimme übernehmen zu können.“ Angelika Bachmann ergänzt: „Das macht auch mehr Spaß, als so lange allein zu üben, bis der Lehrer findet, man sei gut genug, auch einmal etwas zu zweit zu spielen. Es ist viel sinnvoller, wenn Kinder möglichst bald zusammen mit anderen Musik machen können.“
 

1992 gründeten Angelika Bachmann und Iris Siegfried das Kinder- und Jugendorchester „Coole Streicher“, zehn Jahre später zusammen mit Kolleginnen das Quartett "Salut Salon". Für ihr soziales Engagement, u. a. in den Projekten Coole Streicher, The Young ClassX und in der Musikschule Achupallas, dem chilenischen Armenviertel, erhielten sie 2011 das Bundesverdienstkreuz.

© Fotos: Jürgen Schmerberg

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von LIEDERPROJEKT.ORG, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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